Klösterle, eine Perle im Egertale.

Von Dir. a. D. Herzog.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 44. — Sonntag, den 26. Oktober 1930, S. 2.

An einem lachenden Junimorgen des vorigen Jahres bestiegen wir in Karlsbad den Zug nach Klösterle. Angenehm wie der Tag war die Fahrt, und die Aussicht auf die Gegend reich an landwirtschaftlichen Reizen. Kurz nach Karlsbad bot sich schon ein Blick auf das Erzgebirge. Keilberg und Fichtelberg lagen klar vor uns, und in einer schönen Linie zog sich der Kamm hin. In scharfer Biegung wendet sich die Bahn dann südwärts dem Egertale zu. Vor Wickwitz tritt der Fluß an den Schienenstrang heran, um in langem Laufe neben ihm zu fließen. Das Tal ist nicht breit. Links umsäumen es Berge, die in ihren Formen überraschend an das Elbsandsteingebirge erinnern; rechts beginnt das Duppauer Gebirge, dessen Basaltkegel uns sagen, daß der Reichtum Westböhmens an mineralischen Quellen auf vulkanischem Boden erwächst. Hin und wieder öffnen sich die Berge einem romantischen Seitentale, bis nach etwa einstündiger Fahrt das Egertal sich nach Norden hin erweitert. Häuser, Türme, ein Schloß tauchen auf. Jetzt geht es über die Eger, zum zweiten Male seit Karlsbad. Noch ein paar Minuten, und wir sind im Bahnhofe von Klösterle. Er liegt auf Meretitzer Flur. Es ist für Reisende, die wie Asmus alles Ihrige bei sich tragen, nicht das Erfreulichste, ein halbes Stündchen zurückgehen zu müssen, um das Wanderziel zu erreichen. Doch Fahrgelegenheit war nicht vorhanden, und so ging’s mit frohem Mute zu Fuß nach Klösterle hinein. Durch einen glücklichen Umstand war ns noch in der Eisenbahn gewisse Aussicht auf ein angenehmes Privatquartier eröffnt worden. Ihm zustrebend kamen wir an der berühmten Gräflich Thunschen Porzellanfabrik vorbei in die kleine Neustadt, stiegen dann zum Ringmarkt hinauf und mußten noch bis an das Ende der Stadt abwärts gehen. So hatten wir Gelegenheit, schon jetzt uns aufs beste über ihre Lage zu unterrichten. Die Landschaft senkt sich hier vom Erzgebirge her als die schiefe Ebene eines Hügels hinunter zum Egerfluß. Doch nur im Westen reicht das Stadtgebiet bis an das Wasser, nach Süden und Osten trennt es von ihm der Park des Gräflich Thunschen Schlosses. Wo einst ein Straßenturm den Weg zur Oberstadt bewachte, als sie noch von Mauern umgürtet war, führt jetzt neben der Straße die „Schenkerstiege“ bequem empor.

Klösterle wird von den Einheimischen die „Perle des Egertales“ genannt. Und es ist wirklich eine Perle. Wir denken dabei nicht materialistisch an unsere stille Wohnung in der hübschen, kleinen Villa mit ihrem großen Obstgarten, in dem es sich unter dem alten Birnbaum so lauschig saß; nicht an den freundlichen Wirt des Gasthofes im Rathaus und seine vorzügliche Küche, und auch nicht an das ausgezeichnete Mineralwasser, das Eugenien- und Stadtquelle spenden – obwohl das alles zur Behaglichkeit des Aufenthaltes viel beitrug. Wir denken nur an Schönheit, die empfunden, nicht genossen wird.

Nach Anlage und Bauweise bietet das Städtchen nichts Besonderes. Eine saubere Kleinstadt mit engen, bergigen Gassen, mit einstöckigen, anspruchslosen Häusern und einem durch seinen schlanken, sechseckigen Turm mit zwei Umgängen recht wirkungsvollen Rathaus – bewohnt von freundlich entgegenkommenden Menschen, deutsch durch und durch. Altertümlicher Hauch weht nur über dem weiträumigen, rechteckigen Ringmarkt, zwischen dessen holprigem Steinpflaster das Gras sprießt. Auf dem Platze erhebt sich nahe dem Rathaus eine hohe Spitzsäule, Anno 1698 der heiligen Dreifaltigkeit gewidmet zur Erinnerung daran, daß Klösterle damals von der Pest verschont blieb. Die Säule umgeben die Statuen der Heiligen Xaver, Cajetan, Antonius und Nepomuk, und alles überschatten fünf hohe Linden. Dicht hinter diesem Zeugnis katholischer Frömmigkeit steht der „antike Brunnen“, ein anmutiges Werk des Barock. Der von durchbrochenen Säulen gebildete Rand der alten Fontäne trägt zwölf große, mythologisch-allegorische Figuren: Asia, Europa, Ulysses u. a. – den Gesichtern nach freilich mehr Zeitgenossen und Landsleute ihres Bildners. Ein Graf Thun hat den Brunnen einst der Stadt geschenkt, der früher wohl nicht sehr gewürdigt, doch heute als eins der wenigen Zeugnisse aus Klösterles Vergangenheit besondere Obhut verdient und einer Auffrischung wert wäre.

Daß Klösterle in seiner Physiognomie so geschichtslos ist, könnte einen wundernehmen, wüßte man nicht, daß es wie keine andere Stadt in Böhmen vom Feuer heimgesucht worden ist. Binnen zweihundert Jahren ist der Ort viermal abgebrannt. Nach dem dritten großen Brande am 25. Juni 1784 wollte Graf Thun das Städtchen nach dem Muster von Mannheim schachbrettartig ganz neu und weiter östlich aufbauen. Er ließ deshalb am Fußeck des Bettlerner Berges 62 Baracken errichten, die die Bürger so lange bewohnen sollten, bis die neue Planung fertig wäre. Aber die Abgebrannten zogen gar nicht hinaus, sondern bauten in aller Eile auf den Trümmern wieder auf. Die Baracken wurden verkauft, und so entstand als Anhängsel von Klösterle das Dorf Zuflucht. Der letzte große Brand traf die Stadt im Jahre 1859. Seitdem verlor sie völlig, was an mittelalterlichem Aussehen noch vorhanden gewesen war. Möge der heilige Florian, dessen Bildsäule bei der Stadtkirche steht, in Zukunft Klösterle vor verzehrendem Feuer schützen!

Einen unserer ersten Spaziergänge widmeten wir dem Park, der das Schloß umgibt. Man bedarf zum Eintritt allerdings jedesmal eines Erlaubnisscheines, der aber im Rentamt ohne Schwierigkeiten gegeben wird. Schon 1666 angelegt, ist der Park noch vor fünfzig Jahren beträchtlich vergrößert worden, so daß man jetzt an zwei Stunden braucht, um ihn nur auf seinen Wegen vom Egerufer bis zur felsigen Höhe, hinter der die Straße läuft, nach Länge und Breite zu durchgehen. Akazien, Rosen und Jasmin verstreuten verschwenderisch ihre Düfte; das Auge entzückten uralte Bäume der Heimat und schlanke Libanonzedern und kalifornische Riesentannen. Als Dornröschen erschien uns das Klösterle, auf das wir zurückschauten. Wir dachten, daß auch ihm, wie dem Märchenkinde, die Zeit kommt, da die Kunde seiner Lieblichkeit in die Ferne dringt und die Erzählung von seiner stillen Schönheit anfangen wird wie das Märchen: Es war einmal.

Der Höhe zukommend, öffnet sich unseren Blicken eine immer weitere Aussicht: Unten strömt schnellen Laufes die Eger; jenseits der Brücke erheben sich die Ruine Egerberg, der kegelförmige Häckelberg mit dem freundlichen Roschwitz an seinem Fuße und der langgestreckte Schwarzberg. Dazwischen leuchten die fernen Türme von Kaaden. Im Osten sehen wir den Seeberg und da, wo nordwärts der Johannishübel, der sich kulissenartig vorschiebt, eine kleine Lücke läßt, erblicken wir vom Erzgebirge den berühmten Kupferhübel mit seiner alten Wallfahrtskirche. Ein Stück Rheinland glaubten wir in diesem Teil des Egertales zu schauen – ein Eindruck, den die Ruinen alter Burgen, die Kapellen und Kreuze noch erhöhten. Wenn im Abendschein die dunklen Bergkuppen und Kegel aus den Nebeln des Flußtales emporragen oder, wie wir es am Fest der Sonnenwende sahen, auf den Höhen Feuer lodern, begreift man, wie manche dem basaltischen Boden einen geheimen Einfluß auf die religiöse Empfänglichkeit seiner Bewohner zugeschrieben haben.