Von Horst Henschel – Schwarzenberg.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 6. – Sonntag, den 3. Februar 1929. S. 1 – 2.
(Fortsetzung und Schluß.)

Man darf wohl sagen, daß Elisabeth Rethbergs Stern 1920 aufging. In diesem Jahre wollte Richard Strauß, der sie zu einer Erstaufführung seiner Oper „Die Frau ohne Schatten“ die Rolle der Kaiserin singen hörte, so sofort an die Wiener Staatsoper verpflichten. Im selben Jahre sang sie auf dem Bachfest in Leipzig unter Prof. Straube die Kantate „Ino“ von Telemann. Dort hörte sie Artur Nikisch, der sie für das Neujahrskonzert im Gewandhaus verpflichtete. Die Einladung Nikischs blieb natürlich nicht vereinzelt. Elisabeth Rethberg gab Gastspiele und Konzerte in fast allen größeren Städten Deutschlands und des europäischen Auslands, während des Weltkrieges übrigens auch auf dem westlichen und östlichen Kriegsschauplatz. In Riga sang sie ihre erste „Eva“. Sie sang bei der Beethovenfeier in Christiania und Stockholm, beim Bachfest in Christiania, gastierte in der Oper in Wien, Christiania, London usw. und wurde der Mittelpunkt vieler Opernfestspiele. Ueberall erntete Elisabeth Rethberg bei Presse und Publikum begeisterten Beifall, wie er in diesem Maße nur ganz selten einem Künstler zuteil wird.
1922 wurde Elisabeth Rethberg von der Metropolitan-Oper in Neuyork, der bedeutendsten Opernbühne der Welt, dem erstrebenswertesten Ziele eines jeden Sängers, verpflichtet. Unvergleichliche Huldigungen und Erfolge sind der begnadeten Sängerin von ihrem ersten Auftreten an bis heute hier treu geblieben. Den Sommer über wirkt Elisabeth Rethberg an der Opernbühne in Ravinia-Park bei Chicago, wo, wie an der Metropolitan-Oper in Neuyork, nur allererste Künstler der Welt engagiert sind. Elisabeth Rethberg, die seit 1920 mit dem schlesischen Industriellen Albert Doman verheiratet ist, ist sich trotz ihrer Weltgeltung im Innern treu geblieben. Mit rührender Innigkeit hält sie an den heimatlichen Sitten und Bräuchen fest. Und jedes Jahr kommt sie wenigstens einmal nach Europa und beglückt insbesondere ihr Heimatland mit ihrer Kunst. Drüben in Amerika jedoch erfüllt sie eine hohe Mission. Als erste deutsche Sängerin hat sie nach dem Kriege in einem Konzert in ihrer Muttersprache gesungen, wie sie überhaupt fast alle deutschen Partien deutsch singt. Sie hat, wo immer sie konnte, die Liebe zur deutschen Musik entfacht und gestärkt. Unter den Künstlern, die vor allem Bach und nicht zuletzt auch Mozart drüben dem amerikanischen Volke (seiner Art entsprechend) nahe gebracht haben, gehört sie in die vorderste Reihe. Sie sang im Weißen Hause in Washington vor Präsident Coolidge und den gesamten Spitzen der amerikanischen Regierung und der Parlamente, was nicht nur ein großer persönlicher und künstlerischer Erfolg für Frau Rethberg, sondern auch ein nationaler und politischer Erfolg für Deutschland war. Präsident Coolidge, der sonst so Schweigsame, — so wird uns berichtet —, konnte damals nicht genug Worte finden über Frau Rethbergs Kunst. Jeder, der auch nur einigermaßen die amerikanische Mentalität kennt, wird einen solchen Erfolg in seiner ganzen weittragenden Bedeutung verstehen. Nach wenigen Wochen gab Elisabeth Rethberg für ein sächsisches Kinder-Erholungsheim ein Wohltätigkeitskonzert, an dem der verstorbene deutsche Botschafter von Washington, von Maltzan, mit den deuten Konsuln aus Neuyork teilnahmen. Nach Schluß dieses Konzertes hielt der Botschafter eine Ansprache, in der er in klaren, eindringlichen Worten ausführte, wie Frau Rethberg für das Vaterland arbeitet und mehr tut und mehr erreicht hat zur Wiederherstellung des deutschen Ansehens und der Hochachtung vor deutschem Können und deutscher Art, als irgend jemand sonst, der Deutschland seit dem Kriege hier vertreten hat, „mich selbst nicht ausgenommen“, fügte er lächelnd hinzu: „Darum“, wandte er sich an das große Publikum, „müssen wir Frau Rethberg danken und können ihr nicht genug danken, sie ist die deutsche Botschafterin in den Vereinigten Staaten“.
Ihre Größe und Weltgeltung als Künstlerin ist von hervorragenden Persönlichkeiten und Tageszeitungen des In- und Auslandes beinahe unzählige Male ausgesprochen worden. Die Rethberg wird Caruso ebenbürtig an die Seite gestellt und gilt als „die derzeit erste der internationalen Sopranistinnen“. Das haben deutsche, amerikanische und englische Zeitungen in mehr oder weniger anderen Worten in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben. Der bedeutendste italienische Dirigent Toscanini nannte Rethbergs Stimme „die Stimme des Paradieses“. Der große holländische Dirigent Willem Mengelberg behauptet, die Rethberg habe die schönste Stimme der Welt, und der Mitherausgeber des Caruso-Buches, Piesse Key, sagt, daß nur bei Caruso und der Rethberg er von jenem Schauer ergriffen wurde, der sich in Worte nicht fassen läßt. Das sind einige von den vielen Urteilen, die erkennen lassen, daß Elisabeth Rethberg im „allerhöchsten Grade als Künstler unter Künstlern steht“ und daß „sie unbestreitbar zu den großen Deutschen gerechnet werden muß“.