Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 5. – Sonntag, den 27. Januar 1929. S. 1 – 2.

In Wort und Bild machen wir heute unsere Leser mit Elisabeth Rethberg bekannt, einer bekannten und gefeierten Sängerin, deren Wiege in unserer erzgebirgischen Heimat, in der schönen Bergstadt Schwarzenberg, stand. Da die Künstlerin viel im Ausland reist, haben wir in der Heimat nur selten einmal Gelegenheit gehabt, Elisabeth Rethberg kennen zu lernen. Wir begrüßen es deshalb im Interesse unserer Leser, daß Herr Horst Henschel )1– Schwarzenberg uns in den nachfolgenden Zeilen Gelegenheit gibt, die heimatliche Nachtigall in Wort und Bild einmal kennen zu lernen.
„Die deutsche Nachtigall“ — „Die deutsche Botschafterin in den Vereinigten Staaten von Nordamerika“. Wer ist die Trägerin dieser königlichen Prädikate? — Es ist Elisabeth Rethberg, die gefeierte Sopranistin Europas und Amerikas, die in jungen Jahren und in kurzer Zeit einen Triumphzug erlebte, der sich von den europäischen Musikzentren in noch großartigerer Weise bis nach Amerika bewegte. Auf ausdrücklichen Wunsch Richard Strauß´ sang sie im Juni vorigen Jahres zur Uraufführung der „Aegyptischen Helena“ in Dresden vor einem internationalen Publikum die Titelrolle. „Es wird sicher nie mehr eine Helena geben, die schöner singt als Elisabeth Rethberg. Der Charakter des Werkes, als einer Melodieoper wurde durch ihre wahrhaft göttliche Stimme und über alle Begriffe vollendete Gesangskunst erst ins rechte Licht gesetzt“, so urteilte Prof. Dr. Schmitz in der in Stuttgart erscheinenden Musikzeitschrift „Die Musik“ (Seite 744). — Elisabeth Rethberg wirkte im Oktober vorigen Jahres zu einer Opernsaison in Kalifornien, wo sie wieder unbeschreibliche Erfolge errang. Etwa 6500 Menschen waren an den Abenden, an denen sie sang, in dem großen Auditorium versammelt und nahmen sie außerordentlich herzlich auf. Bei dieser Gelegenheit machte sie die Bekanntschaft mit dem Indianerhäuptling Yolache, der selbst ein guter Sänger ist. Er nahm sie feierlich als „Voice of the Spring“ (Stimme des Frühlings) in seinen Stamm auf. Jetzt weilt sie wieder in Neuyork, wo sie Ende November in der Metropolitan-Oper in der „Versunkenen Glocke“ die Rolle des Rautendelein sang.
Elisabeth Rethberg wurde am letzten Sommertag des Jahres 1894 im Erzgebirge, einer nachweisbar musikalischen Gegend unseres Sachsenlandes, und zwar in dem landschaftlich reizvollen Städtchen Schwarzenberg geboren. Ihr Vater, der Selektenschul-Oberlehrer Carl Sättler (lebt jetzt in Dresden), und ihre Mutter waren beide sehr musikalisch. Alle, die der Mutter Musikalität gekannt und ihre Stimme gehört haben, versichern, daß auch für sie der Weg einer glücklichen Schulung und Ausbildung zugleich zum Wege des Ruhmes geworden wäre. Frühzeitig lenkte die kleine Elisabeth die Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich, weil sie schon mit dem ersten Lebensjahr kleine Lieder melodisch richtig wiedergab. Mit dem fünften Jahr begann sie Klavier zu spielen. Als Siebzehnjährige erntete sie in einem öffentlichen Konzert, wo sie eine Reihe Lisztscher Lieder sang, begeisterten Beifall. Im Jahre 1915 wurde sie an die Dresdner Hofoper engagiert und trat am 22. Juni des gleichen Jahres als Arsena im „Zigeunerbaron“ auf. Sie entwickelte sich schnell zu einer Künstlerin, die Oper, Oratorium und Lied gleich gut beherrschte und verfügte bald über ein riesiges Repertoire. Allein in Dresden spielte sie in über hundert verschiedenen Rollen. So war sie in wenig Jahren die gefeiertste Sängerin Dresdens geworden, über die Generalmusikdirektor Kutzschbach – Dresden bereits nach vier Jahren (1919) folgendes vielsagende Urteil bildete, welches die Zukunft voll und ganz bestätigte: „… Fräulein Rethberg ist zur Zeit die schönste Stimme an unserer Oper, aber nicht nur das, sie hat eine der schönsten Stimmen, die überhaupt jemals existiert haben. Seit der Lilli Lehmann habe ich keine Sängerin gehört mit dieser vollendeten Gesangskultur, mit dieser eminenten Musikalität. Sie ist eine ebenso gute Konzert- wie Opernsängerin. Vermöge ihres Gestaltungstalentes beherrscht sie alle Stilarten. Ich bin überzeugt, daß sie binnen kurzem eine Weltkarriere machen wird.“ …
- Mitverfasser des reich bebilderten Buches „Elisabeth Rethberg. Ihr Leben und Künstlertum“. Verlag Städt. Geschichtsverein Schwarzenberg. 1928. Preis 4.50 M. ↩︎