Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 49. — Sonntag, den 30. November 1930, S. 2 – 3.
Der Brand von Oberwiesenthal im Jahre 1862.
Von Alfred Flemming, Penig.
Tiefer, feierlicher Sommerfrieden lag in den letzten Julitagen des Jahres 1862 über dem erzgebirgischen Städtchen Oberwiesenthal. Im saftigen Grün des hohen Grases zirpten die munteren Grillen und die Schwüle der so früh gekommenen Hochsommerzeit machte die Luft zittern. Durch kein Wölkchen unterbrochen, wölbte sich Tag für Tag der tiefblaue Himmel über den dunklen Kronen der angrenzenden Waldungen, den blühenden Feldern und wogenden Wiesen, nur ab und zu brachte ein leichter Südostwind eine sich stets gleichbleibende geringe Luftbewegung. Dem wetterharten Erzgebirgler, der solche Sommertage nur wenig im Jahre kennt, waren sie willkommener Anlaß zur Heumahd. In unermüdlicher Arbeit rauschte die glitzernde Sense durch das Gras und bald füllte das betäubend duftende Heu die Scheuern und Böden. Auch die ersten Augusttage vergingen so im ewigen Einerlei des geschäftigen Alltages. Doch der 5. August sollte eine grauenvolle Katastrophe bringen, wie sie in den Analen Oberwiesenthals noch nicht verzeichnet stand und bis heute auch glücklicherweise nicht wieder verzeichnet zu werden brauchte. Wie bisher fast jeder Hochsommertag war der 5. August mit strahlendem Sonnenschein angebrochen. Drückend lastete die Glut der Sonne auf den mit Schindeln gedeckten Häuschen, und alle Oberwiesenthaler Einwohner gingen ihrer altgewohnten Beschäftigung nach. Niemand konnte ahnen, daß der Feuerreiter seinen Einzug im Orte gehalten und sich als Stätte seiner unheilvollen Tätigkeit das Haus des Wenzel-Vinzenz ausgesucht hatte. Eben schlug die kleine Schwarzwälder Uhr im Hause der Knopfmacherei Borges die Hälfte der 9. Stunde, als im danebenliegenden Gebäude des Vinzenz ein leichtes Knistern einsetzte, dem ein gewaltiges Prasseln folgte. Im Nu war dort das hölzerne Dach geborsten, mächtige Flammen züngelten unter starker Rauchentwicklung in die Höhe und bald stand der gesamte Dachstuhl in hellem Feuer. Zwei angrenzende Häuser wurden ebenfalls sofort von dem Flammenmeer ergriffen. Schon wenige Minuten später trug der sich steigernde Wind lichterloh brennende Heubündel auf das Haus des Knopfmachers Borges zu und setzte das Hintergebäude in Brand. Dies alles vollzog sich mit einer Schnelligkeit, an die man nicht im entferntesten geglaubt hatte. Die Glut steigerte sich nun von Minute zu Minute, der Wind wuchs immer noch mit erschreckender Heftigkeit, trieb brennende Schindeln und Heubüschel vor sich her und machte die an sich schon ratlosen Einwohner noch kopfscheuer. Dazu kam, daß Heu und Schindeln überall sogleich Nahrung fanden und auch vom eigentlichen Brandherd entfernt liegende Dachstühle in Flammen setzten. Auf den von Menschen wimmelnden Straßen spielten sich herzzerreißende Szenen ab, Frauen, bepackt mit wenig gerettetem Hausrat, versuchten die armselige Habe in Sicherheit zu bringen. Kinder irrten zwischen den Erwachsenen umher, weinten und schrien nach den Eltern, und in all das Chaos des Grauens mischte sich das schauerliche Läuten der Feuerglocken. Wohl versuchten die Wehren mit damaligen unzureichenden technischen Geräten das gefräßige Element auf jede Art zu bekämpfen, retteten Menschen und Vieh, trugen Tische, Betten, Schränke, Kommoden, Kleidungsstücke und vieles andere mehr nach dem höher gelegenen Ortsteile, der vom Brande verschont blieb, doch das Feuer war in der Uebermacht. Aus weiteren mit Schindeln gedeckten Häusern, die meist zweistöckig waren, züngelten die hellen Flammen empor. Schließlich brannte selbst der Kirchturm über und über. Nur in kurzen Intervallen schlugen die Glocken noch mißtönend an, dann verstummte auch deren eherner Mund. Wieder befiel die erregte Menschenmenge große Aufregung, überall sah man ein demütiges Händefalten – bald wurde auch das Gotteshaus zum rauchenden Trümmerhaufen. Erfolgreich konnte das wütende Element durch die zahlreich herbeigeeilten Wehren erst am Markte bekämpft werden, wo einige Jahre vor dem Brande massive Häuser – mit Brandgiebeln und Schieferbedachung versehen – errichtet worden waren. Hier fand das Feuer erfolgreichen Widerstand. Bei einbrechender Nacht war der Brand bekämpft, nur wenige Feuerwehrleute hielten bei den schwelenden Ueberresten der am vorhergehenden Tage noch so glücklichen Stadt die Feuerwache. Ueberall hatte man in der oberen Stadt die Obdachlosen freundlich aufgenommen und selbst der armselige Wenzel-Vinzenz, bei dem das Feuer zuerst ausgebrochen war und den einige leidenschaftlich erregte Männer während des größten Feuerwütens in den Teich zu stürzen suchten, besaß für die Nacht ein Dach über seinem Kopfe. Erst im nächsten Jahre konnte mit den Aufbauarbeiten begonnen werden, währenddem die Kirche – feierlicher und schöner als vorher – am 17. September 1866 eingeweiht werden konnte.
Es war wohl einer der jammervollsten und schrecklichsten Tage Oberwiesenthals, dieser 5. August 1862; denn als der Schaden in seiner Gesamtheit überblickt wurde, fand der Chronist, daß dem grauenvollen Brande nicht weniger als dreiundsechzig Häuser mit Kirche, Pfarre und Schule zum Opfer gefallen waren.