Ein Stück Alt-Buchholz

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 30. – Sonntag, den 20. Juli 1930, S. 1 – 2.

Das Jungk-Karl-Häusel, ein altes Berghaus an der Silberstraße.

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Jungk-Karl-Haus

Man sieht es dem alten Häuschen, welches wir heute auf der Titelseite unserer „Erzgebirgischen Heimatblätter“ wiedergeben, schon an, daß es nicht so recht mehr in unsere neue, moderne Zeit passen will. Bescheiden, schlicht und ganz einfach kauert es unter den Zweigen der hohen Bäume und träumt genau so vergnügt in den Tag hinein, wie es die Menschen damals taten, die hier in diesem Häuslein ihre Tage verbracht haben. Ein altes Berghäuschen war es, wie man es den Bergleuten damals zu eigen gab. Dem Bergmann Köhler gehörte es, der wohl als Obersteiger bei „Himmlisch Heer“ mit zur Grube fuhr, also einem, der die hohen Halden noch gesehen hat, die den „Nassen Hader“ bei Cunersdorf damals bedeckten und dort das Gelände in ein eigenartiges Hügelland verwandelten. Der alte Bergmann Köhler war der Großvater des jetzigen Annaberger Posamentenfabrikanten Karl Köhler jun. auf der Bahnhofstraße. Dessen Vater betrieb in Buchholz im jetzigen Laden des Friseur Eckert auf der Karlsbader Straße ein Schnittwarengeschäft. Die Frau des alten Obersteigers Köhler, Karoline, vermählte sich nach dessen Tod mit Karl Jungk, einem fleißigen Posamentier, der nun in das Häuschen an der Silberstraße mit einzog. Es hat eine besondere Bewandtnis, wenn wir gerade heute das Bild dieses Berghäuschens veröffentlichen. Zu den Nachkommen Karl Jungks zählt u. a. nämlich auch der Posamentenfabrikant Eduard Keil in Buchholz, dessen goldene Hochzeit wir just gerade heute in unserer Tageszeitung bekanntgeben. Für diesen Jubilar und für seine liebe Gattin wird die Wiedergabe dieses Bildes gewiß eine besondere Freude sein, birgt es doch den Inhalt einer seligen unvergeßlichen Jugendzeit. Aber auch für die anderen Leser soll mit diesem Bericht ein Stück Alt-Buchholz wieder lebendig werden. Karl Jungk, der Großvater Eduard Keils, war ja ein Buchholzer von altem Schrot und Korn. In seinem kleinen Häuschen trafen sich die alten Buchholzer Originale. So verkehrten bei ihm der alte Schmiedel-Karl, Städtler-Hermann, ein alter Veteran von 1870 namens Feig, Arnold-Karl, Hermann und Clemens Böttger, dessen benachbartes Haus wir auch auf unserem Bild erkennen und viele andere. Die Hutzenabende im Berghäuschen trugen einen eigenartig romantischen Charakter. Man sprach hier von den seltsamsten Dingen. Insbesondere aber trafen sich hier die Vogel- und Geflügelliebhaber. Heute darf auch verraten werden, daß an dem schwarzen Kamin, der sich in der Hausflur befand, die Leimruten hergestellt wurden. Hänfling, Zeisig und Stieglitz fing man sich zur damaligen Zeit noch selbst und die Arbeit am Posamentierstuhl ging noch einmal so leicht, wenn die Waldvöglein ihr heimisches Zwitschern und Singen anstimmten. Dann wurde es erst recht gemütlich in dem kleinen Raum, in dem oft viele Menschen eng beisammen saßen und über gute und böse Dinge in der Welt „diskurierten“ – wie man zu sagen pflegte. Es konnte auch jeder gern mit zuhören, denn die Haustür war immer offen. Ein Schloß gab es nicht, man hatte es selbst bei Nacht nicht nötig, die Tür abzuschließen. Von außen zog man an einem Bindfaden den inneren Hebel hoch und schon war man drinnen in dem gemütlichen Berghäusel. Man mußte aber Obacht geben, daß man nicht die etwa offene Falltür nach dem Keller hinunterstolperte. Am schönsten war’s wohl zur Weihnachtszeit im Berghäusel. Da war der Fußboden nach altem Brauch mit Stroh beschüttet. In der Ecke war die Christgeburt aufgebaut. Den Christbaum hatte man sich selbst aus dem Wald geholt; das war damals eine Selbstverständlichkeit, Christbaum-Märkte gab es ja noch nicht. So saß man friedlich bei Kerzenschein und Tabakrauch beisammen, oft die ganze heilige Nacht hindurch, bis der Morgen dämmerte. Draußen herrschte noch der alte erzgebirgische Winter. Die Schneewehen gingen fast über das ganze Häuschen hinweg, sodaß die Buben ihre Ruschelpartie auf dem Dach des Hauses anfangen konnten. Das war eine Freude. Die Jungk-Großeltern hatten 2 Buben, den Albin (das ist der Vater der heute noch in Buchholz lebenden Albin, Karl, Emil und Max Jungk) und den Hermann Jungk (der in Sängerkreisen wohlbekannt und der Vater des Martin Jungk in Sehma und Hermann Jungk in Wurzen ist), dazu war noch ein Mädel da, die spätere Frau Keil, also die Mutter Eduard Keils, Oskar Keils und der vielen anderen Kinder. So klein wie das Häusel auch war, neben den Großeltern beherbergte es später noch die kinderreiche Familie der Tochter, also die Familie Eduard Keils. Die Großeltern wohnten im Hinterstübchen, das Ehepaar Keil mit seinen 9 Kindern im Vorderstübchen. Geschlafen wurde oben in einem kleinen Dachkämmerlein, nach dem eine leiterartige Stiege führte. Schlief man auch in nur wenigen hier vorhandenen Betten zu zweit und zu dritt nebeneinander und war auch oft Schmalhans Küchenmeister, so war doch ein selten schönes Familienglück in dem Berghäusel an der Silberstraße. Die Eltern erzogen ihre Kinder fromm und arbeitsam. An einer großen Tafel saßen Mutter und Kinder beisammen, um die Heimarbeit fertig zu machen, die Vater Keil nach Annaberg zum Verleger brachte. Für die wenigen Groschen mußten für die kinderreiche Familie Nahrung und Kleider beschafft werden. Da gab es Butter und Wurst nur selten auf den Tisch. Alter Käse und ein ½ Liter Bier gehörte schon zu den Feiertagsessen. Und doch waren alle Kinder gesund und stark – ja, sie wuchsen heran wie die „Pfeifenröhrle“ und stolz ging Sonntags Vater Keil mit seinen drei Buben und sechs Mädels, die immer einheitlich gekleidet wurden, durch die Straßen spazieren. Ja, die Keil-Mädels waren bald im ganzen Städtel bekannt, war doch eine schöner wie die andere und siehe – wenn wir uns heute umschauen – hat auch jede ihren Mann bekommen. (Es war auch einer dabei, der wollte „alle z’samm“ haben, weil Buchholz aber nicht in der Türkei liegt, ging das nicht.) Die drei Jungens lernten das Handwerk des Vaters und wurden tüchtige Posamentiere. Die ganze Familie schaffte so fleißig bis zum späten Abend, dann aber gings hinaus vor das Häusel auf die große steinerne Bank unter dem Baum. Feierabendlieder wurden hier gesungen und manch fröhliches Spiel getrieben. Der Aelteste der Familie, Eduard Keil, sorgte auch dafür, daß hoch auf dem Baum alljährlich das Starkästel in Ordnung war. Wir sehens hier auf unserem Bilde. In schöner lauer Frühlingsnacht erklang des Staren Liedchen und unser Eduard Keil mochte ihm wohl wie Anton Günther gelauscht haben, der uns erzählt: „Wos de Starl pfeifn. Hallo, hallo, de Starl sei do! – Horch auf, se rufn ven Heis’l ro, horch, horch, wie’s singt, wie schü dos klingt: – Bie lange Zeit weit fort gewaast, bie in dr Walt viel rimgeraast, ho viel gehärt un viel gesah, mit meine Kinner un mei Fraa, ´s war schü, kännts gelabn, ower an schännstn is drham!“ – So mußte wohl auch Eduard Keil bei sich gedacht haben. Hatte er sich, wie wir ja aus dem kurzen Lebenslauf Eduard Keils in unserer heutigen Tageszeitung ersehen, ein wenig in der Welt umgesehen, am schönsten war’s „drham“. Sein liebes Buchholz und erst recht sein Vaterhaus konnte er nie vergessen. Nachdem die Großeltern gestorben waren, hatte die Stadt das inzwischen baufällig gewordene Berghäusel weggerissen. Eduard Keil jr. aber hat sich den Grund und Boden seiner Väter zurückgekauft und errichtete an derselben Stelle eine Posamentenfabrik, die wir noch heute als einen stattlichen Bau auf der Silberstraße-Einenkelstraße stehen sehen. So hat das Haus an der Silberstraße seine eigene Geschichte und vieles mehr wüßten wir wohl unseren Lesern noch zu erzählen, zumal wenn wir all die Jugenderinnerungen der Familie Keil hier wiedergeben wollten. Kindheit und Jugendtraum und auch manch selige Erinnerung an glückliche Brautzeit sind für die Mitglieder der großen Familie Keil mit diesem Häuschen eng verbunden. Natürlich aber alles darf die Zeitung ja nicht verraten. Und sie will das auch nicht. Aber mit der Wiedergabe des alten Bildchens da sollen doch die Silbersaiten süßer Erinnerung wieder einmal angeschlagen werden, da solls mit Anton Günther in gar manchem Herzen wieder singen und klingen: „Vrgaß fei net, drham die Vaterhaus!“

S. Sdl.