Die Tropfsteinhöhle in Syrau bei Plauen.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 14 – Sonntag, den 30. März 1930, S. 1 — 2.

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Schnitt durch die Höhle

Die Entdeckung einer wundervollen Tropfsteinhöhle in Syrau bei Plauen ist geologisch von großer Bedeutung, da bisher im Freistaat Sachsen noch keine derartige Höhle erschlossen werden konnte. Der Ort Syrau liegt eine Wegstunde westlich von der weltbekannten Spitzen- und Gardinenstadt Plauen entfernt und ist leicht mit der Bahn (Linie Leipzig–Reichenbach–Plauen–Hof) zu erreichen, außerdem liegt der Zugang zu der Höhle in nächster Nähe des vogtländischen Flughafens der Lufthansa. Ein hoher Wasserturm kennzeichnet dem Besucher schon von weitem die Eingangsstelle zu dem neuen Naturwunder des Vogtlandes. Man gelangt an einen Steinbruch, wo oberdevonischer Kalk gebrochen und zur Verwendung als Straßenschotter zerkleinert wird. Bei diesen arbeiten stieß man auf eine Spalte; der Keil, den man zur Arbeit benutzte, fiel in die Tiefe hinab. Um ihn wieder heraufzuholen, stieg eines Abends der Sohn des Vorarbeiters Undeutsch durch die inzwischen erweiterte Spalte hinab, die in 15 Meter Tiefe zu einem System von Gängen, Höhlen, Schluchten und Hallen sich vervielfältigte. Wie in den vielbesuchten Tropfsteinhöhlen in der Fränkischen Schweiz, im Harz, in Westfalen und in Thüringen (Marienhöhle bei Tabarz) sind auch hier die Hallenwände und Decken mit märchenhaft prächtigem Tropfsteinschmuck bedeckt; es ist das Wunderwerk des durch die Berge sickernden Wassers, das kohlensäurebeladen den Kalk auflöst und ihn beim Abtropfen in den Höhlen wieder ausscheidet. Es entsteht dabei an der Decke zunächst ein feiner Ring aus Kalk, späterhin ein glasdünnes Röhrchen, das sich bei einer Länge von 15 Zentimeter schließt. Es verdickt sich darauf der Deckenzapfen (Stalaktit) und wird im Laufe von Jahrtausenden zu einem Zapfen, einer Säule, einem alabasterähnlichen Schachtelhalm, während vom Boden aus gleichzeitig die Stalagmiten entgegenwachsen. In der Syrauer Höhle scheidet das von der Decke herabrieselnde Wasser noch jetzt Kalk ab, es ist daher wohl möglich, daß die Tropfsteine noch wachsen, vielleicht kann man sogar nach einer hinreichend langen Zeit durch Messungen das Wachstum der Decken- und Bodenzapfen feststellen. Es sei hierbei an die Höhlen der Fränkischen Schweiz erinnert, wo sich an den Drähten der Lichtleitung seit 5 Jahren zahllose Tropfsteine von 5 bis 12 Zentimeter Länge bildeten, allerdings nur in Form von ganz dünnen Tropfsteinfäden. Nach dem Urteil des Berliner Geologen Johannes Walther bilden sich in Trockenzeiten die Tropfsteine rascher, als in nassen Klimaperioden. Bei dem Einstieg in die Syrauer Höhle geht es zunächst etwa 15 Meter über Blöcke und Geröll steil hinab; der lockere glitschige Höhlenlehm am Boden gibt keinen festen Halt. Aber zum Unterschied von anderen Tropfsteinhöhlen kann man in der Syrauer Grotte aufrecht gehen, die Deckengewölbe sind etwa 8 bis 10 Meter hoch; das ausströmende Wasser muß einst hier bedeutende Arbeit geleistet haben. Schon erblickt man in der vorausliegenden Halle die wasserfallartigen Kristallüberzüge an den Wänden und Felsstücken zur rechten und linken Hand. Von Zeit zu Zeit spürt man einen Tropfen von dem herabfallenden Sickerwasser. In der nächsten Seitenhalle bemerkt man groteske Einzelgebilde, darunter das etwa 40 Zentimeter frei herabhängende „Elefantenohr“. Weiter geht die Wanderung an der „Syrauer Kanzel“ und an der „Orgel“ vorüber, man steigt über große und kleine Blöcke. Da blitzt im Schein der Lampen das klare Wasser des 40 Meter langen Sees auf, eine Leiter führt zum See hinab, der Führer besteigt das Floß und rudert sich vorwärts, bestrahlt dabei mit seiner Lampe die von der Decke herableuchtenden schneeweißen Tropfsteinmassen und gelangt dann an die Stelle, wo ein mächtiger Felsblock überklettert werden muß, wenn man die nächste Halle beschauen will. Neue Wunder öffnen sich dem Beschauer; Kristallgebilde in schwarzer Färbung von ein bis eineinhalb Meter Länge sind hier vorhanden. Das Sickerwasser läuft an einer gewissen Stelle wahrscheinlich über größere Lager von vertorften und vermoorten Pflanzen und bringt von dort etwas Mangan-Eisen mit in das Innere der Höhle, woraus sich die schwarze Färbung der Kristalle erklärt. Jetzt beginnt das Auge die Färbung der anderen Tropfsteine genauer zu prüfen und zu beobachten, und nun bemerkt man auch die zarte gelbliche, rote und grüne Tönung der Kristallgebilde, wie z. B. in den Saalfelder Grotten so bezaubernd sich geltend macht. Ganz besonders kontrastreich wirken in dieser Beziehung mehrere aus dem Boden hervorwachsende Stalagmiten, die in Form von 15-Zentimeter-Granaten eine Höhe von 35 und 50 Zentimeter erreichen; an ihrer Außenseite sind sie unscheinbar schokoladenbraun wie der Lehm gefärbt. Der aufmerksame Beobachter bemerkt an der Spitze dieser Gebilde eine napfartige Vertiefung, das sogenannte Tropfloch, das wie Elfenbein oder Porzellan in blauweißer Färbung erstrahlt. Neben der Syrauer Kanzel, einem ganzen Gletscher von schneeweißen Kristallen, wird als schönste und feinste Tropfsteinbildung allseitig die „Gardine“, eine filigranartige Draperie von tausend und abertausend feinen Kalksteinrörchen anerkannt. Unter der Wirkung des elektrischen Lichtes bemerkt man, daß die „Gardine“ durchscheinend ist, auch erkennt man darin von oben nach unten verlaufende feine schwarze Linien. Unter den zahlreichen Höhlen Deutschlands besitzt nur die Attahöhle in Westfalen, 1907 entdeckt, ähnliche Gebilde wie die hier beschriebene „Gardine“ der Syrauer Höhle.

Der große See der Syrauer Höhle, 40 lang und über 5 Meter tief, übt durch gewisse Beleuchtungseffekte einen starken Eindruck auf den Besucher aus; es gibt ganz wenige Höhlen von ähnlicher Beschaffenheit, die einen derartigen unterirdischen See aufweisen können. Ueberdies verändert der See seinen Wasserstand nach den bisherigen Messungen um 20 bis 53 Zentimeter, je nach dem Steigen und Sinken des Grundwasserstromes. Das Wasser des Sees ist vollkommen klar und enthält weder tierische Lebewesen, noch pflanzliche Organismen. Der Sächsische Heimatschutz ließ den großen See in besonders wirksamer Beleuchtung photographieren. Bergrat Bachmann von der Freiberger Bergakademie untersuchte die Höhle auf ihre Ausbaufähigkeit; die Einwohnerschaft von Syrau zeichnete freiwillig einen Grundstock zum Ausbau von rund 20.000 Mark, so daß die Höhlenkommission unter ihrem Obmann Rud. Schimmel-Syrau die elektrische Lichtanlage beschaffen und einen zweiten Eingang zur Höhle erschließen konnte.

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Der große See

In der Chronik von Syrau, die bis auf das Jahr 1638 zurückgeht, findet sich die überraschende Notiz, daß bereits 1843 der Ort Syrau durch seine Tropfsteine bekannt war; der Kalkstock endete damals weit westlich mit einer überdachten Schlucht, aus welcher die Mineraliensammler von den Kindern Tropfsteine holen ließen. Man konnte aber damals nicht ins Innere vordringen, da diese Schlucht mit Wasser erfüllt war.

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Die Gardinen

An tierischen Resten fand man bisher in der Syrauer Höhle einige Knochen vom Renntier, ferner einen kleinen Stoßzahn, der leider bei der Bergung in Stücke zerbrach, da er schon sehr mürbe war, dazu einen Schädel mit Skelettresten; diese Funde sollten von Prof. Dr. K. Wanderer in Dresden bestimmt werden, da im Zwinger-Museum hinreichend Vergleichsmaterial vorhanden ist. Aus diesen Tierfunden schließt man, daß die Höhle zur Eiszeit von irgendeiner Seite her für die Tiere zugängig gewesen sein muß. Daß für den Menschen der Eiszeit die Höhle einen starken Anziehungspunkt bildete, beweist die Tatsache, daß schon vor drei Jahren ganz in der Nähe der Höhle eine Herdstelle mit Holzkohle entdeckt werden konnte; rechnet man dazu, daß seit 1922 in der näheren und weiteren Umgebung der Höhle der gesamte Werkzeugbestand des eiszeitlichen Renntierjägers in Form von Feuersteinschabern usw. zutage trat, so darf man jetzt schon sagen, daß vor etwa 60.000 Jahren die Syrauer Höhle und ihre Umgebung – ähnlich wie die Lindenthaler Hyänenhöhle und die Kalkklippe von Untermarxgrün bei Oelsnitz – ein hervorragendes Siedlungsgebiet des eiszeitlichen Menschen darstellte.