Der verhängnisvolle Maskenzug in Görkau im Jahre 1588.

Eine Erzählung von Fr. Herbabny.

Illustrierte Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 13 — Sonntag, den 24. März 1929. S. 1—3

(Fortsetzung und Schluß.)

Masken aller Art umschwärmten die Schlitten, die jetzt im raschen Trabe um den Komotauer Ring herumflogen, und endlich vor dem Wirtshaus anhielten, wo sie von einer Menge von Freunden und Bekannten begrüßt wurden. — Die Männer stiegen aus und brachten den Frauen, welche von ihren Sitzen nicht weichen wollten, Glühwein und allerhand warme und kalte Getränke, vergaßen sich dabei selbst auch nicht und tranken sich in die froheste und heiterste Stimmung, bis die untergehende Sonne und die stampfenden Pferde dringend an den Aufbruch mahnten, der keinen weiteren Aufschub mehr duldete.

So wie bei der Ankunft, ebenso fuhren auch bei der Abfahrt die Schlitten unter derselben Begleitung um den Ring herum und dann zum Tore hinaus.

Noch ehe sie bei diesem angelangt waren, bemerkten die ersten, daß sich zu ihren drei Vorreitern noch ein vierter gesellt hatte, und zwar in einer ganz auffallenden Tracht. In der Meinung aber, es sei dies ein Komotauer, der ihnen aus Scherz bis vor das Tor das Geleite geben wollte, achteten sie nicht besonders darauf.

Der neue Vorreiter aber erregte bald ihre Aufmerksamkeit in höherem Grade, denn plötzlich wendete sein Pferd und sprengte an der einen Seite der Schlittenreihe zurück bis zu dem allerletzten und galoppierte nun auf der andern Seite wieder vorwärts bis an die Spitze des Zuges. —

Als es nun aber den Weinberg hinan ging, da hielt er sein Roß an, drückte es etwas seitwärts zurück, und ließ so die Schlitten einen nach dem andern an sich vorbeipassieren, indem er zugleich mit dem ausgestreckten rechten Arme die Bewegung machte, als ob er die Insassen der Schlitten, so wie sie an ihm vorbeifuhren, abzählte, und denen, die in den Schlitten saßen, wurde ordentlich unwohl, besonders den Frauen lief es eiskalt über den Rücken; dabei hatten sie aber auch Gelegenheit, den seltsamen Reitersmann, der sich auf eine so sonderbare Weise zu ihnen gesellt hatte, näher zu betrachten.

Er war als Ritter gekleidet, kohlschwarz vom Kopfe bis zu den Sporen, das Roß von derselben Farbe, das Visier seines Helmes, der oben in eine Spitze auslief, geschlossen. Sein Pferd schien er bloß mit den Schenkeln zu regieren, denn Zügel und Zaum hingen locker am Sattelknopfe. In der linken Hand hielt er eine Standarte, aus dem kleinen schwarzen Banner sah ein schneeweißer Totenkopf hervor; auf der rechten Schulter hing ein schwarzer Schild mit dem Bilde des Knochenmannes und am Arme derselben Seite eine gewaltige Posaune mit langen schwarzen Troddeln und Quasten. Je länger man ihn betrachtete, desto grauenvoller wurde jedem seine Erscheinung.

Als die Schlitten alle an ihm vorüber waren und er die sämtlichen Personen in denselben abgezählt hatte, ritt er wieder vorwärts an die Spitze des Zuges, ganz voran neben den Spaßmacher, dem er nun nicht mehr von der Seite wich.

Als der Zug auf der Höhe angekommen war, da bliesen die Vorreiter und Musikanten ein lustiges Stücklein zur fröhlichen Heimkehr. Eine Weile, nachdem sie geendet, ließ nun auch der schwarze Reiter seine Posaune erschallen in so seltsamen, erschrecklichen Tönen, daß sie wie ein Ruf, wie eine Einladung zum jüngsten Gerichte klangen, und in allen Furcht und Schauder erregten.

So ging der Zug vorwärts. Mittlerweile war es immer dunkler geworden und nach Zurücklegung der Hälfte des Weges die Nacht völlig hereingebrochen.

Jetzt nahm zu nicht geringem Erstaunen des Hanswurstes und der beiden andern Vorreiter ihr gespenstischer Begleiter das kleine Banner von seiner Standarte, steckte es auf den Helm und ließ es da hin- und herflattern, dann blies er mit ungemeiner Macht auf die Spitze der Fahnenstange, im Nu sprühten Funken von derselben, eine Flamme flackerte auf, Dampf und Geruch einer Leichenfackel um sich her verbreitend.

Mit Grauen sahen dies sowohl seine Nebenmänner, als auch die in den ersten Schlitten. Das seltsame Licht wurde von den Schneemassen weithin zurückgeworfen und verbreitete einen unheimlichen geisterartigen Schein über den ganzen Zug, der alle verstummen machte.

Als man fast die ersten Häuser Görkaus erreicht hatte, erhob der gespenstische Führer des Zuges, denn dieses war er in Wahrheit geworden, seine Posaune und blies einen jener furchtbaren Trauermärsche, die auch den mannhaftesten Zuhörern durch Mark und Bein gehen und der jetzt bei der Nacht einen um so schrecklicheren Eindruck machte, als auch die andern drei Vorreiter mit ihren Trompeten unwillkürlich in denselben einstimmten und ihn begleiteten.

Also bewegte sich der Zug langsam durch das Tor hinein und die hintere Gasse vor. Hier war abermals eine große Menschenmenge versammelt, welche die Neugierde und die seltsamen Töne der Musik herbeigelockt hatten.

Da nun schwieg plötzlich der Posaunenträger und darauf auch die andern. Gerade vor dem Kirchhoftore machte er halt, fuhr mit der Fackel in die Höh‘, so daß sie weithin leuchtete und alle ringsum Stehenden, so wie die in den bereits herangekommenen Schlitten alles sehen konnten. Dann sein Visier öffnend, schlug er den Plambatsch auf die Schulter mit den Worten: „Nun komm‘ mit mir! — wir zwei machen voran, die andern kommen nach!“

Als der Angeredete sein Gesicht nach dem Sprecher wandte und statt eines menschlichen Antlitzes einen ihn unter dem Helme hervor angrinsenden Totenschädel erblickte, da schrie er plötzlich zur Seite fahrend: „Jesus Maria!“ — und wäre auch wirklich vom Pferde herabgestürzt, hätte er sich nicht an einem der beiden Trompeter festhalten können. Im selben Augenblick schwang der furchtbare Vorreiter die Fackel noch höher und indem er einige Schritte zu dem etwas höher stehenden Kirchhoftore hinanritt, rief er mit einer entsetzlichen Stimme, die alles Geräusch übertönte: „Heut‘ war ich euer Gast, zum künftigen Jahre lade ich euch zu mir auf den Fasching ein, bis dahin seid ihr alle meine Gäste!“ — Und nun sprengte er, die Fackel vor sich her durch das offenstehende Kirchhoftor schleudernd, gegen dasselbe an; im selben Augenblicke verlöschte die Fackel und in der plötzlichen Finsternis ertönte schrecklich und grauenhaft das Zusammenschlagen der Torflügel des Kirchhofes, die Pferde bäumten sich und wurden scheu vor dem entsetzlichen Gekrach und Geprassel, es war, als wären alle Türen und Tore der Stadt auf einmal zugeschlagen worden und rannten wie besessen mit den Schlitten dem Ringplatze zu.

Als hier das Klingeln der Schellen die Zurückkunft verkündete, da stürzten die lustigen Brüder hervor aus allen Wirtshäusern mit ihren Musikbanden, hielten die Schlitten an, hoben die zagenden Mädchen und Frauen aus denselben und führten nach und nach die sämtlichen Masken auf den Tanzsaal, wo bei dem Scheine der Lichter dem fröhlichen Lärm der Gäste und den lustigen Tönen der Musik sich allmählich der schreckliche Eindruck verwischte, den die Erlebnisse der letzten Stunden auf sie gemacht hatten. Obwohl der Tanz nur bis Mitternacht dauerte, so nahm doch das lustige Faschingtreiben erst gegen Morgen ein Ende.

Am Aschermittwoch früh, als eben die Leute aus der Messe kamen wo ihnen der Priester die Stirne mit Asche bestreute und durch die Worte: „Mensch, gedenke, du bis Staub und wirst zum Staube zurückkehren!“ — die Vergänglichkeit aller Dinge in Erinnerung gebracht hatte, standen eine Anzahl lustiger Brüder, zum großen Teil noch übernächtig, vor dem „Blauen Stern“, um der Sitte gemäß Anstalten zu treffen, den Fasching zu begraben. Diese bestanden darin, daß man eine, wie ein Hanswurst angezogen, mannsgroße Puppe auf einen Bretterwagen lud, mit einem Leintuche bedeckte und zur Stadt hinausführte, hierauf aber ins Wirtshaus zurückging, um das Leid zu vertrinken und so auch noch den Aschermittwoch zu verjubeln.

Die lustigen Brüder, die so dastanden, wunderten sich sehr, daß sich der Hanswurst von der gestrigen Maskerade, auf dessen Mitwirkung bei dem heutigen Spaß sie doch ganz sicher gerechnet, noch nicht zeigen wolle. Da erst fiel es mehreren auf, daß sie ihn heute nach gar nicht auf dem Tanzboden gesehen hatten.

Während noch darüber hin- und hergesprochen wurde, da erklang plötzlich der Ton eines Glöckchens, alle Augen richteten sich dahin, wo der Schall hergekommen war und nun sah man zu nicht geringem Erstaunen den Priester mit dem Sakramente der Sterbenden die Weingasse hinauf zu einem Kranken gehen. Gleich darauf kam einer mit der Nachricht, der, den sie eben erwarteten, nämlich der Hanswurst von gestern, sei auf den Tod erkrankt, habe schon keinen Verstand mehr, rase und schreie in einem fort, man soll ihm das Gerippe vom Leibe schaffen, das unablässig auf seinen Rücken springen und sich ihm aufhocken wolle.

Bald bestätigten neue Ankömmlinge diese außerordentliche Nachricht, die nicht wenig Schrecken unter den Anwesenden verursachte. Der Zustand des Genannten war auch wirklich ein trostloser. Noch bis zum andern Morgen brachte er unter der Pein dieser und ähnlicher Phantasien zu, dann ward er ruhig und verschied. Drei Tage nach jener unseligen Maskerade war er bereits unter der Gesellschaft derer, die er mit trunkenem Mute zur Teilnahme an dem Maskenzuge aufgefordert hatte.

Die nächste Leiche, welche auf dem Kirchhof beerdigt wurde, war die Braut des Hochzeitszuges vom Faschingsdienstag; ihr folgten in kurzen Zwischenräumen eine der Kränzeljungfern, dann ein Vorreiter, der Brautführer und der Bräutigam. Noch mehrere Erkrankungen waren in der Zwischenzeit vorgekommen, unheimliche Gerüchte gingen durch die Stadt, Furcht und Angst bemächtigte sich der Gemüter. Es war außer Zweifel, ein schlimmes, bösartiges Fieber hatte sich eingeschlichen, das meist junge Leute ergriff und nach kurzem Krankenlager hinraffte. Das ganze Frühjahr hindurch folgte ein Leichenzug dem anderen und die Glocken an den Türmen der Stadt hatten nur selten einen Tag Ruhe.

In den warmen trockenen Monaten Juni, Juli und August ließ die Seuche an Heftigkeit nach, obwohl auch in dieser Zeit mehr Krankheits- und Sterbefälle vorkamen als sonst gewöhnlich. Als aber Ende September sehr häufige Regengüsse eintraten und die nasse Witterung durch den Oktober und November anhielt, da trat das bösartige Fieber mit doppelter Wut auf. Bei dem milden frühlingsähnlichen Wetter, das in diesem Jahre um Weihnachten herrschte, erreichte die Seuche den höchsten Grad und das alte Sprichwort: „Wenn um Weihnachten die Saaten grünen, stehen Kirchhöfe und Gräber offen“ — traf im vollsten Maße zu. Leiche auf Leiche folgte. Schulmeister, Glöckner und Totengräber hielten die reichste Ernte. Um Namen Jesu herum war von denen, die an dem Hochzeitszuge in der vergangenen Fasching teilgenommen hatten, keines mehr übrig und außerdem noch viele, meist junge Leute gestorben und noch immer kamen täglich neue Erkrankungsfälle vor. Furcht, Schrecken und Kleinmut bemächtigten sich aller Gemüter, die unheimlichen Ereignisse bei jener Schlittenfahrt, der Frevel, den der Plambatsch beim Auszuge begangen, alles das Sonderbare, welches sich auf dem Rückwege zugetragen, vorzüglich aber die furchtbare Einladung, die der gespenstische Vorreiter bei seinem Verschwinden am Kirchhoftore an alle Anwesenden hatte ergehen lassen, nahmen in dem Geiste der Görkauer täglich eine furchtbare Gestalt an, und stündlich faßte der Glauben festeren Fuß, daß bei ihnen, wie vor Jahren in den nahegelegenen Dörfern Langkeitz und Heinrichsdorf, die Seuche nicht eher nachlassen werde, bis alle Einwohner der Stadt hingerafft sein würden.

Da am letzten Faschingssonntage hielt der Pfarrer eine furchtbare Strafpredigt, worin er den Görkauern ihr sündhaftes Treiben im vergangenen Jahre vorhielt, dessen sich alle samt und sonders schuldig gemacht hätten, die einen dadurch, daß sie daran teilgenommen, die andern, weil sie die Teilnahme der Ihrigen gestattet, er erinnerte sie an den begangenen Frevel, ermahnte zur Buße, um jenen zu sühnen, und rief am Schlusse: „Ja ihr sollt ausziehen, aber nicht in Larven und Maskeraden, sondern in Sack und Asche, in Buß- und Trauerkleidern, ihr sollt ausziehen, aber nicht unter Jubel und Juchegeschrei, sondern unter Weinen und Klagen, ihr sollt ausziehen, aber nicht um die Narren anderer Städte zu begrüßen, sondern nach dem Kirchhofe, auf den Acker Gottes, um an den Gräbern Buße und Besserung zu geloben und den Himmel in Reue und Zerknirschung um Gnade und Barmherzigkeit anzuflehen!“

Diese Worte fielen wie eine Flamme in die Herzen der Zuhörer. Das Bedürfnis einer geistigen Entsühnung war bereits allgemein gefühlt, aber von niemanden ausgesprochen worden. Kaum hatte der Prediger die rechten Worte genannt, so wurde auch gleich nach der Kirche durch ihn und einige Angesehene der Stadt mit allgemeiner Zustimmung ein öffentlicher Bußtag verabredet. Schon am Faschingsdienstage früh, also gerade am Jahrestage jener verhängnisvollen Maskerade, versammelte sich der größte Teil der Stadtbewohner auf dem Ringe in Trauergewändern; die Jungfrauen in weißen Kleidern mit schwarzen Schärpen über die Schultern und Rosmarinkränze auf dem Haupte, die Junggesellen mit Florbändern und Rosmarinsträußchen an den Armen, die Frauen schwarz und weiß gekleidet, denn auch die weiße Farbe war zu jener Zeit als Trauerfarbe gebräuchlich, wie heutzutage noch in einigen Gegenden unter dem Landvolke die Frauen in weißen Gewändern bei den Begräbnissen erscheinen. Um 9 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Voran die Geistlichkeit, dann der Stadtrat und die sämtlichen Ratsverwandten, hierauf die Mädchen und die Junggesellen zum Zeichen, daß die Seuche vorzugsweise sich ihre Opfer unter den jungen Leuten ausgesucht, diese daher ganz besonders der Gnade und Barmherzigkeit bedürftig seien; dann zuletzt kamen die älteren Männer und Frauen. So ging die Prozession mit Singen und Beten denselben Weg, den der Maskenzug im vergangenen Jahre unter Jubel und Hallogeschrei, unter Peitschenknall und Schellenklang genommen hatte.

Als der Zug die hintere Gasse hinaufgekommen war und sich in das Innere der Kirchhofmauer bewegte, da begann ein allgemeines Klage- und Wehgeschrei, alle stürzten auf die Knie an den Gräbern ihrer Angehörigen. Kein Haus, ja keine Familie gab es, die nicht im Laufe des Jahres eines oder mehrere ihrer Lieben hierher gebettet hatte. Hier beweinten Kinder ihre Eltern, dort der Mann die Gattin, daneben die Mutter ihre einzige Tochter, der Vater den Sohn, der Bruder die Schwester, die Braut den Verlobten; kurz, kein Verhältnis gab es, in welches der Tod nicht grausame Trennung gebracht hatte. —

Hierauf ging der Zug in die Kirche, da war der große Katafalk aufgebahrt, die Altäre schwarz behangen, der Lichterstock flammte so von den unzähligen Kerzen, wie es selbst an keinem Allerseelentage der Fall ist; in Trauergewändern hielt der Pfarrer am Hochaltare das Requiem, an den Seitenaltären lasen andere Priester stille Seelenmessen. Vom Chore herab klangen die feierlichen Töne eines Totenamtes. Als die Sänger den ergreifenden Choral:

„Dies irae, dies illae“ —
„Tag des Zornes, Tag des Schreckens“

den feierlichsten und erschütterndsten, den selbst die katholische Kirche kennt, anstimmten, da begann noch einmal ein solches Klage- und Wehegeschrei, daß selbst die Musik auf dem Chore übertönt wurde und der Pfarrer in seiner heiligen Funktion innehielt, um einige Trostesworte an die von Schmerz, Jammer und Furcht bis zum höchsten Grade aufgeregte Kirchengemeinde zu richten, worin er die Verzagten und Verzweifelten mit der Hinweisung auf die unendliche Güte und Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes aufzurichten strebte, der ein Gott der Gnade, seine Kinder zwar heimsuchen und züchtigen, niemals aber gänzlich verderben könne, der ihrem Jammer und Klagegeschrei sein Ohr nicht verschließen, und von ihrer großen Zerknirschung sein Auge nicht abwenden werde.

Seinen kräftigen und eindringlichen Worten gelang es, Geister seiner Zuhörer von dem Gegenstande ihrer Furcht und ihrer Klagen abzulenken und einigermaßen Trost und Beruhigung in ihre Gemüter zu bringen, so daß der feierliche Gottesdienst in seinem Fortgange weiter nicht gestört wurde. Erst beim Agnus dei, als die Worte: „O du Lamm Gottes! welches du hinnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser!“ — unter den Tönen einer sanfteren Musik vom Chore herab erklangen, da flossen noch einmal Tränen, aber es waren Tränen der demütigsten Hingebung in den Willen des Herrn, dem sie nun alles, ihre Zukunft, ihr Leben und Sterben vertrauensvoll anheimstellten. So endigte das Totenamt.

Mit dem Bewußtsein, der getanen Buße, mit dem Gefühle der Sühne, kehrten allmählich auch Vertrauen, Hoffen und Zuversicht in die Gemüter der Schwergeprüften zurück. —

Von diesem Tage an erkrankte niemand mehr an der Seuche und von denen, die noch auf dem Krankenbette lagen, genasen die meisten. Im ganzen waren im Laufe des Jahres 450 der Epidemie erlegen. —

Sieben Wochen später, das ist am weißen Sonntage, dem ersten Sonntage nach Ostern, hielt der damalige Pfarrer Martinus Lochanter — die Pestilenzpredigt zum Lobe und Preise des Allmächtigen, daß er die Stadt nach so langem Trübsal von dem schrecklichen Feinde befreit und wieder zu Gnaden und in seinen heiligen Schutz aufgenommen habe. „Die Erinnerung aber“, — sagt der obgenannte Chronist, — „die Erinnerung an jene schreckliche Zeit stak den Görkauern noch lange in den Gebeinen.“ — Erst als ein jüngeres Geschlecht aufkam und die Zeitgenossen nach und nach zur Ruhe gegangen waren, verbleichten auch die Farben jenes verhängnisvollen Mummenschanzes und seiner Folgen allmählich im Gedächtnisse der nachkommenden Generation.

Einen Hochzeitszug aber in Maskerade am Faschingsdienstage hielten die Görkauer lange nicht mehr.