Der verhängnisvolle Maskenzug in Görkau im Jahre 1588.

Eine Erzählung von Fr. Herbabny.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 12 — Sonntag, den 17. März 1929. S. 2—3

Der Maskenzug.

(Der Maskenzug Görkau-Komotau. Nach einer Volkserzählung.)

Was lärmet am stillen Friedhof vorbei?
Was störet die Ruhe der Toten so frei?
Ein Maskenzug, ein Mummenschanz,
in Uebermut und tollem Tanz,
zu Fuße und zu Pferde,
entweihet die heilige Erde.
Aus dem Zuge der Narren ein frevelnder Mund
gibt lästernd den Toten lachend die Kund‘:
„Steht auf, ihr Schläfer und reitet mit,
nehmt Besen zwischen die Beine zum Ritt!“

Der Haufen gröhlt Beifall dem sündigen Wort
und weiter zieht tollend der Maskenzug fort.

Still sank zum Friedhof die Dämmerung nieder,
Es kehret zurück der Maskenzug wieder.
Und wie sie gehen und wie sie reiten,
die Augen vieler vor Entsetzen sich weiten.
Denn wie sie gingen und wie sie ritten,
zeigen sich Fremde in ihrer Mitten —
Armlos der eine, der ohne Bein,
drängten sich stumm in den Zug hinein.
Ein kalten Grausen schleicht in die Glieder,
zwingt furchtgeschüttelt die Blicke nieder,
den Nachbarn getraute nicht anman zu seh‘n,
um Tollen und Lachen war es gescheh‘n.
Und wie man zum offenen Friedhofstor kam,
mit Grabesstimme man rufend vernahm:
„Heut‘ kamen wir zu eurem Feste
und übers Jahr seid ihr unsere Gäste.“

Laut krachend schloß sich das Friedhofstor,
weithin sich der Schall wie Donner verlor.—

Kaum daß das Jahr zu Ende war,
lag auch der Letzte auf der Totenbahr.

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Die Mittagsstunde des Faschingsdienstages im Jahre 1588 war vorüber. Ein eigenes rühriges Leben herrschte in den Gassen der Stadt Görkau. Vor vielen Häusern standen die Schlitten, die edle Gassenjugend mit den zahlreichen Lehrjungen waren schon in Schwärmen auf dem Ringplatze versammelt: was einen Arm rühren, was eine Peitsche führen konnte, das knallte und platzte und machte einen so furchtbaren Lärm und ein solches Getöse, daß, wie ein gleichzeitiger Chronist, der damalige Bürgermeister der Stadt Görkau, Dominik Hofmann, scherzweise sagt, „die Häuser in den Gassen wackelten.“

Dieses außerordentliche Spektakulum, welches die edle Jugend der Stadt zum besten gab, war aber nur das Vorspiel einer großartigen Maskerade, welche am Nachmittag von den Erwachsenen aufgeführt werden sollte. Ein grandioser Hochzeitszug, bei dem alle Personen in Masken erscheinen mußten, sollte zu Schlitten die Stadt in allen Richtungen durchziehen, dann aber einen Abstecher nach Komotau machen, um dort einen Besuch zu erwidern, den im vergangenen Jahre die Komotauer der Stadt Görkau in ähnlicher Weise gemacht hatten.

Zu diesem Ende waren nicht nur alle einheimischen Gelegenheiten in Beschlag genommen, sondern auch die Schlitten und Pferde aller um Görkau liegenden Mühlen und Dörfer requiriert worden. Schlag halb drei Uhr sollte der Zug losgehen. Der Zeiger der Rathausuhr rückte der zweiten Stunde immer näher, die auswärtigen Schlitten langten aber noch sehr spärlich an. Wenige Minuten,nachdem die zweite Stunde geschlagen, kam aus der Weingasse auf einem alten Grauschimmel der Plambatsch heruntergesprengt, mit einer Trompete in der Hand, aus der er ein fürchterliches Geschmetter ertönen ließ, das eine elektrische Wirkung auf jung und alt ausübte und alles auf die Beine oder an die Fenster brachte, was voll Neugierde der Dinge harrte, die der Nachmittag bringen sollte.

Der Plambatsch, so hieß zu jener Zeit der Lustigmacher bei den Hochzeiten, hatte heute eine doppelte Rolle zu spielen. Außer der obengenannten mußte er auch die des Hanswurstes aufführen, der zu jener Zeit bei keiner öffentlichen Belustigung, bei keinem Spektakel, am allerwenigsten bei einer Faschingsmaskerade fehlen durfte, und eine ebenso notwendige Figur in allen Komödien und Schauspielen war, als heutzutage die stehende Rolle des Pimperle oder Kasperle bei Marionetten-Theatern. Demgemäß war er auch gekleidet; gleichsam, um symbolisch anzudeuten, wie bei allen Hochzeiten der Himmel zuerst voller Geigen und alles in rosenfarbener Laune sei, der hinkende Bote aber bald nachkomme, so war die sämtliche Bekleidung des Hanswurstes von der Mütze bis zu den Fersen herab aus zweifachem Zeuge, dergestalt, daß die ganze vordere Seite von roter, die hintere aber von aschgrauer Farbe war. Zudem hatte er zwei Larven an den Kopf gebunden, von denen die vordere lachte, die hintere aber weinte. Auch seinem Grauschimmel hatte der Hanswurst eine Narrenmütze, an deren Spitze eine Schelle angenäht war, auf den Kopf gesetzt und am Halse mit roten Bändern befestigt, was zur Folge hatte, daß der Gaul unaufhörlich mit dem Kopfe auf- und niederfuhr und in einem fort klingelte, zum unaussprechlichen Jubel der edlen Straßenjugend.

In diesem Aufzuge galoppierte der Plambatsch auf dem Ringe herum und seine Trompete ließ ihren gewaltigen Ruf hellauf ertönen. So wie er sich gezeigt hatte und an einem der Wirtshäuser vorüber ritt, strömte die Bevölkerung desselben heraus mit Gläsern und Flaschen in den Händen; er wurde umringt, sein Pferd angehalten, und er mußte trinken, Wein, Bier, Branntwein und Likör, bittern und süßen, alles wurde ihm angeboten, er mußte trinken, und wollte er es nicht in seinen Hals hinein spendieren, so drohten die halbberauschten Freunde ihm äußerlich zu applizieren.

Ein solches Zutrinken konnte seine Wirkung nicht verfehlen und der Hanswurst zeigte bald, daß er Geist und Feuer im Leibe habe. Vor dem „Blauen Stern“, wo der Jubel am ärgsten war, und man ihm mit dem Trinken unaufhörlich zusetzte, da hob er sich, von den Spottreden eines Bekannten aufgestachelt, plötzlich in die Höh‘, stellte sich auf den Sattel mit dem zügel in der Hand, als wolle er Reiterkünste machen. Der Schimmel aber bäumte sich, der Künstler glitt über den hinteren Teil seines Pferdes herab und fiel der Länge nach in den Schnee, unter dem endlosen Freudengeschrei seiner jugendlichen Zuschauer, die das alles für einen absichtlichen Spaß ansahen.

Im Augenblicke, als der Hanswurst wieder auf seinem Sattel festen Sitz genommen hatte, kamen auch die beiden andern bestellten Vorreiter, als Ritterherolde gekleidet, aus zwei verschiedenen Gassen hervorgetrabt und ließen ihre Trompeten ertönen. Schnell machte sich nun der Hanswurst los, ritt auf die beiden zu, alle drei stellten sich nun auf der Mitte des Ringplatzes auf und bliesen einige mächtige Fanfaren, zum Zeichen, daß die Zeit des Aufbruches herannahe. Mittlerweile trafen nach und nach auch die auswärtigen Schlitten ein, wurden von den Festordnern an die verschiedenen Häuser gewiesen, wo sie die für sie bestimmten Personen aufnehmen sollten und nun auch ihrerseits noch gar manchen Seufzer der Ungeduld über das lange Warten auszustoßen hatten.

So wie nun aber alles unter der Sonne und wenn es auch noch so lange dauert, doch einmal ein Ende nimmt, so kamen auch die Görkauer Frauen und Mädchen an diesem Tage mit der Anlegung ihres ganz besonderen Putzes, der in den verschiedenartigsten Bekleidungen von Rittersfrauen, Klosternonnen, Schäferinnen und andern dergleichen bestand, endlich doch zum Ziele, die Schlitten wurden bestiegen und einer nach dem andern erschien mit seinen Insassen auf dem Ringe, wo der allgemeine Sammelplatz war und wo auch der Zug erst geordnet und die einzelnen Fuhrwerke, sowohl nach ihrer äußern Schönheit und der Vorzüglichkeit ihrer Gespanne, als auch der Würde und dem Ansehen ihrer Insassen nacheinander eingereiht wurden.

Endlich, nachdem die dritte Stunde schon längst geschlagen, setzte sich der Zug in Bewegung. Die Vorreiter begannen einen Marsch zu blasen, in welchen die andern Stadtpfeifer, die im ersten, mit dem Stadtwappen gezierten Schlitten saßen, sogleich einstimmten. Diesem folgte der der Brautleute, mit dem Bilde der heiligen Jungfrau, auf dem dritten Schlitten, in welchem der Brautführer und die Kränzeljungfern ihren Platz hatten, sah man den heiligen Nikolaus, zwei grimmige Teufel an einer Kette haltend; im folgenden paradierte die „Salzmäste“, so hieß damals bei den Hochzeiten die Taufpate der Braut, nach allen Seiten Pfeffernüsse auswerfend und an diesen reihten sich die übrigen, mehr als vierzig an der Zahl.

Nachdem diese in allen Richtungen die Straßen der Stadt durchkreuzt und mehrere Male um den Ringplatz herumgefahren waren, ging es im Fluge unter dem Klingen der Schellen, dem furchtbaren Geknalle der Peitschen und schallenden Tönen der Musik die hintere Gasse hinauf, an deren oberm Ende rechts zur Seite die Kirche steht. Da, wo sich jene in die weit engere zum Komotauer Tore hinführende umbiegt, waren so viele Menschen versammelt, daß die Fahrt stockte und die Schlitten ein wenig anhalten mußten, was noch besonders dadurch veranlaßt wurde, daß zwei maskierte Knaben ein mit roten Bändern geschmücktes Seil vor den ersten Hochzeitsschlitten quer über die Gasse zogen, von welcher Schranke sich der erste Kutscher durch ein Geschenk loskaufen mußte.

Währenddem trieb der Uebermut den von Getränken aller Art erhitzten Hanswurst, daß dieser an das zufällig offenstehende Tor des zu jener Zeit noch innerhalb der Stadt um die Kirche gelegenen Gottesackers hinanritt, mit aller Kraft seiner Lunge in die Trompete stieß und nun mit heller lauter Stimme, so daß es die Umstehenden alle hören konnten, zum Kirchhof hineinrief: „Auf, ihr Faulpelze! auf, auf mit euch! — heraus aus euern Nestern; könnt das ganze Jahr liegen auf der faulen Haut, heut ist Fasching, heraus mit euch verschlafenen Schlingeln, es gibt noch alte Besen genug in der Stadt, die nehmt zwischen die Beine und reitet mit! —Hallo, vorwärts!“

Ein allgemeines Gelächter der Umstehenden, sowie derer in den nächsten Schlitten folgte diesem vermessenen Aufrufe.

Der eine der beiden Vorreiter, der dem unbesonnenen, halbtrunkenen Frevler am nächsten war, rief jetzt: „Zurück, Heilloser! —was treibst du da?“ — In demselben Augenblick aber, als jener sprach, fing das Pferd des Hanswurstes an stutzig zu werden, schlug hinten und vorne aus, nahm den Kopf zwischen die Beine und im Nu war der Reiter aus dem Sattel und hing am Halse seines Pferdes in der lächerlichsten Positur; das umstehende Volk aber, besonders die edle Gassenjugend, welche dieses Reiterstücklein als einen von Hanswurst abermals absichtlich gemachten Spaß ansah, stimmte ein allgemeines Freudengeschrei an. —

Inzwischen hatte der ebenerwähnte Vorreiter die Zügel des widerspenstigen Pferdes ergriffen, er und noch einige dabeistehende Männer halfen dem Hanswurst in den Sattel, und da eben vor den Schlitten der Weg wieder etwas frei geworden, sprengten nun die drei Vorreiter zum Komotauer Tor hinaus, die sämtlichen Schlitten einer nach dem andern hinten drein.

Das versammelte Volk ging jetzt lärmend und lachend auseinander; nur eine Gruppe von Leuten, die an der Kirchhofmauer gestanden und Zeuge des ganzen Vorganges gewesen, schüttelten bedenklich die Köpfe und redeten dieses und jenes. „Wenn die Schlittenfahrt nicht ein schlimmes Ende nimmt und die Masken mit nicht ganz andern Gesichtern nach Hause kommen, als sie ausgefahren sind, weiß ich nicht!“ sagte der eine. „Sie sind noch nicht wieder zurück, wartet‘ nur ab,“ — sagte ein anderer, „es wird sich schon zeigen!“ —

Inzwischen hatte der Zug den kleinen Hohlweg vor dem Tore passiert und langte nach und nach auf der Ebene an. Bis zur Abfahrt der Schlitten war das Wetter still und ruhig gewesen, eine weiße Wolkenmasse, der untrügliche Vorbote kommender Winde, stand schon seit Morgen wie eine Wand unbeweglich über dem Rotenhäuser Schlosse am nordwestlichen Himmel und schien auch heute ihren Ruf als Wetterzeichen nicht Lügen strafen zu wollen. Der Wind fing schon an, den leichten Schnee zu kreiseln und in immer größeren Mengen zu heben und über die Fläche hinzutreiben, stoßweise kamen die Schneemassen so dicht, daß die hinteren Schlitten die vordern kaum sehen konnten.

Als der Zug in die Nähe der hölzernen Säule, welche zum Andenken der hier von den Hussiten in dichtem Nebelschleier erschlagenen Görkauer und Pirkner Männer errichtet worden war, anlangten, da rief die Braut im zweiten Schlitten plötzlich: „Um Gottes Willen! Was kommt da für eine schwarze Wand auf uns zugetrieben?“ — im nächsten Augenblick konnte sie schon kein Auge mehr öffnen, die Pferde bäumten sich, der Schlitten stürzte und Braut und Bräutigam lagen in tiefem Schnee. Fast in demselben Moment hatten die Brautjungfern im dritten und die „Salzmäste“ im vierten Schlitten dasselbe Schicksal. Die zunächst darauf folgenden, obwohl deren Pferde ebenfalls sich heftig bäumten, blieben verschont, aber die zwei letzten traf ein gleiches Los. Mühsam arbeiteten sich die Verunglückten aus dem Schnee empor, niemand konnte ihnen helfen, jeder hatte mit sich zu tun, die Kutscher insbesondere waren vollauf beschäftigt, die wild gewordenen Pferde, die nicht standhalten wollten, zu bändigen. Aber welches Unheil war an dem Putze und der Ausstattung der Frauen geschehen? — Ein einziger Augenblick hatte die Mühe und Arbeit vieler Tage und Nächte fast vernichtet und alles mit so vieler Sorgfalt Angefertigte in Unordnung und Verwirrung gebracht. Endlich saßen alle wieder glücklich in ihren Schlitten und diese setzten sich von neuem in Bewegung.

Als der Zug in den Komotauer Gärten anlangte, hatte der Sturm fast ganz nachgelassen, und wie die Schlitten den Weinberg hinunter und zum Komotauer Tore hineinfuhren, war der Himmel hell und klar. Bei seiner Ankunft in Komotau wurde der Zug von einer großen Menschenmenge, an deren Spitze die Stadtmusik, begrüßt.

(Fortsetzung folgt.)