„Der Fürst vom Greifenstein“

Ein früheres erzgebirgisches Original.

Von Dr. M – r.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 11 – Sonntag, den 9. März 1930, S. 1 – 2.

Kopie

Es gibt vielleicht im Erzgebirge noch hier und da alte Leute, die sich aus ihrer Jugendzeit des „Fürsten vom Greifenstein“ erinnern, eines wunderlichen Kauzes, der durch seine Absonderlichkeit die ganze Gegend belustigte. Er hieß eigentlich Karl Pilz und war 1802 zu Drebach geboren, was nun gerade nicht sehr fürstenmäßig war. Wenig hoheitsvoll waren auch manche Spitznamen, die man ihm beigelegt hatte, wie „Zöppelpilz“, weil er anfangs mit weißen Backwaren, hauptsächlich mit sogenannten Hörnchen oder Zöppeln, handelte, oder „Messer-Karl“, da er Messer, Nadeln usw. feilbot. Zur Ehre der Erzgebirger sei es aber gesagt, daß sie solche respektlose Bezeichnungen nur selten gebrauchten. Gewöhnlich redeten sie ihn, wie es sich gebührte, mit „Fürst vom Greifenstein“ an. Dies hörte unser Pilz am liebsten, nannte er sich doch auch selber gerne so. Nach seiner Ueberzeugung war er nämlich der Prinz oder Fürst, der eine in den Höhlen der Greifensteine verzauberte Prinzessin zu erlösen hatte, um dann sein dortiges leider untergegangenes Schloß wieder aufrichten und mit seiner vom Banne befreiten Schönen, die er als das reizvollste Wesen der Welt pries, in lauter Glück und Herrlichkeit bewohnen zu können. Zur Erlösung der Prinzessin und zur Erbauung des Schlosses brauchte er aber viel, viel Geld. Dieses hofft er durch große Gewinne in Lotterien zu erlangen. Deshalb legte er die Pfennige, die ihm die Leute aus Mitleid schenkten, größtenteils in Lotterielosen an, die ihm aber niemals den ersehnten Haupttreffer brachten. Er blieb zeitlebens ein Pechvogel, der gewöhnlich Nieten zog. Nur selten kam er mit dem Einsatz heraus oder erzielte im günstigsten Falle Gewinne, die nicht der Rede wert waren. Trotzdem gab er die Hoffnung nicht auf und spielte unbekümmert weiter. Zur Unterstützung seines Gedächtnisses ließ er sich oft die Losnummer mit Kreide auf die Hinterseite seines Rockes schreiben. Nicht minder närrisch war seine Kleidung, über die sich namentlich die übermütigen Straßenjungen köstlich belustigten, die ihn überall mit lautem Geschrei und Gelächter begleiteten. Schon von weitem hörte man sie rufen: „Der Fürst vom Greifenstein kommt!“ Da reckten sich die Köpfe aus den Fenstern und selbst die Alten konnten sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Unser Karl Pilz trug nämlich gewöhnlich einen blauen Frack mit blanken Knöpfen und gelben Streifen. Auf der linken Brust prangte außerdem ein Fürstenorden, wie er ihn zu nennen pflegte. Dies war ein Riemen voller Knöpfe, Schnallen, Schrankschilder, alter Münzen und ähnlicher Dinge, die alle schön blinken und glänzen mußten. Zuweilen wechselte er den Frack auch mit einer alten Schützenuniform oder einem anderen auffälligen Kleidungsstücke, wie er es gerade als Geschenk erhalten hatte. Seinen Kopf zierte ein spitz zugehender hoher Hut, manchmal auch ein Zylinder aus Glanzleinwand, ein sogenannter Kutscherhut, den er mit allerhand Federn, besonders Pfauenfedern, sowie Bildern, Spielkarten und dergleichen geschmückt und mit der Aufschrift: „Fürst vom Greifenstein“ versehen hatte. Mit Vorliebe putzte er auch die Hinterseite seines Rockes aus und behängte sie namentlich mit alten Klöppelmustern, Tüchern und Schleifen.

Sämtliche Finger hatte er mit Ringen besteckt, worunter Pfeifen- und Tabaksbeutelringe eine vorwiegende Rolle spielten. An der Seite trug er stets eine große Ledertasche, die er besonders gern mit alten Uhren, meistens ohne Räderwerk, füllte. Er war von dem hohen Werte dieser Uhren felsenfest überzeugt und bot sie überall zum Kaufe an. Nicht genug konnte er sich wundern, wenn diese Kostbarkeiten, die er mit vielen Worten angepriesen hatte, keine Abnehmer finden wollten. Oft führte er auch einen alten Leierkasten mit sich und sang zu dessen herzzerreißenden Tönen allerlei Lieder. Sein Lieblingsstückchen war: „‘s gibt nur a Kaiserstadt, ‚s gibt nur a Wien!“ Als er noch jünger war, soll er nämlich auf seinen Wanderungen auch nach Wien gekommen sein. Dort war es ihm anscheinend recht gut ergangen, jedenfalls hatte er Wien besonders in sein Herz geschlossen. Nach Beendigung dieser Darbietungen, die nach seiner Meinung auf künstlerischer Höhe standen, zog er seinen Hut ab und sammelte Gaben ein.

Das Arbeiten war nicht seine starke Seite. Selbst leichter Beschäftigung suchte er sich möglichst bald wieder zu entziehen. Ihm gefiel es besser, umherzustromern und von Almosen sein Leben zu fristen. Da er völlig harmlos und grundehrlich war, mochte ihn jeder leiden. Man hatte seinen Spaß an ihm, und blieb er längere Zeit als gewöhnlich aus, so fragte man wohl gar: Kommt er nun nicht bald? Bei keiner Tür klopfte er vergeblich an. Ueberall fand er offene Hände und freundliche Aufnahme. Die Frauen pflegte er durchweg „Lottel“ zu nennen, und wenn er in eine saubere, frisch gescheuerte Stube trat, zog er die Stiefel aus, ging in Strümpfen umher und wandte sich an die Hausfrau mit den Worten: „Krieg‘ ich heute etwas, mei‘ Lottel?“ Man kann sich denken, daß solche treuherzige, einfältige Bitte niemals abgeschlagen wurde.

Dem weiblichen Geschlecht war er recht zugetan, wie man es schon aus seiner vertraulichen Anrede: „Mei‘ Lottel“ entnehmen kann. Sah er irgendwo hübsche dralle Bauernmädchen, so eilte er auf sie zu, um sie zärtlich zu begrüßen. Man hat aber nie beobachten können, daß er vje den Anstand verletzt hätte. Alles war bei ihm nur Scherz, den man ihm nicht übelnahm. Er hielt auf seiner Ehre, wie es sich für einen „Fürsten“ geziemte, konnte aber auch manchmal recht lustig und übermütig sein. So machte es ihm großes Vergnügen, mit den Kindern, denen er trotz ihres Spottes immer wohlgesinnt war, gemeinsam über Bäche und Gräben zu springen, wobei er sich oft absichtlich zur größten Erheiterung der Zuschauer ins Wasser fallen ließ. Oder er tanzte in seinem wunderlichen Aufzuge dreimal die Runde, allerdings nur dann, wenn man ihm vorher einen Pfennig dafür gab. Seine Ehre fühlte er dadurch keineswegs beeinträchtigt. Er blieb immer der hochgeborene „Fürst vom Greifenstein“, der sich nur zu seinem Volke herabließ und seinen Untertanen gelegentlich eine kleine Freude bereiten wollte.

Der jedenfalls geistig etwas gestörte, überall aber gern geduldete und unterstützte Sonderling verlotterte in seinen letzten Lebensjahren leider so sehr, daß er öfters nach seinem Heimatsort Drebach zurückgebracht und dort gänzlich neu ausstaffiert werden mußte. Da er hier zur Arbeit angehalten wurde, machte er sich wiederholt aus dem Staube, bis er endlich gänzlich hilflos im Alter von 67 Jahren im Armenhause zu Drebach sein Leben voller Einbildungen und unerfüllter Hoffnungen endete.