Von Dr. M — r.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 7. – Sonntag, den 10. Februar 1929. S. 2.
Wie die Menschen doch schnell vergessen! Noch vor einem Menschenalter kannte wohl jedermann, wenigstens aus Jöhstadt und seiner Umgebung, den „dicken Mädelbrunnen“ unweit der Grenze links vor dem Wege, der von Jöhstadt über die Sorge nach Christophhammer führt, und wußte von seiner Geschichte. Heute aber kennen ihn nur ganz wenige, wie ich mich unlängst überzeugt habe, und seine Geschichte, die den Vorzug hat, wahr zu sein, hat man fast ganz vergessen. Früher aber war sie in aller Munde, selbst die Kinder erzählten es sich untereinander, woher der Brunnen seinen sonderbaren Namen erhalten hatte. Dies war so zugegangen:
Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, vor mehr als hundert Jahren, hatten böhmische Köhler nicht weit von dem Brunnen ihre Meiler und ihre kleine Schlafhütte errichtet. Es erschien ihnen aber hier nicht ganz geheuer. Ein böser Geist, ein schwarzer Kobolt trieb hier offensichtlich sein Wesen, dem es Vergnügen machte, ihnen recht ärgerlichen Schabernack zu spielen. Fast jeden Tag verschwand nämlich auf unerklärliche Weise ihr Frühstücks- und Vesperbrot aus der Hütte. Trotz alles Lauerns und Aufpassens konnte niemand den Dieb entdecken. Die Köhler standen vor einem Rätsel. Es ging wirklich nicht mit rechten Dingen zu. Niemand anders als ein böser Geist konnte es sein, der ihnen das Brot stahl. Es wurde ihnen schier unheimlich zu Mute. Am liebsten wären sie auf und davon gegangen, solch ein Grauen empfanden sie vor diesem Orte.
Eines Tages hielten die Köhler wie gewöhnlich hinter dem Meiler ihren Mittagsschlaf. Da erwachte plötzlich ein Köhler und sah zu seinem Erstaunen, wie ein Schatten aus dem Dickicht zur Hütte huscht. Aufspringen, den Schürbaum ergreifen und nach der Hütte eilen, ist das Werk eines Augenblicks. Und da kommt auch schon ganz leise und behutsam der Dieb mit dem Brote in der Schürze aus der Hütte. Es war das dicke Mädel, ein Ausreißer und Tunichtgut, der seinen Eltern davongelaufen war, sich im Walde umhertrieb und von Pilzen, Beeren und gestohlenem Brot lebte. Den Köhler packte die Wut: Das war also der Unhold. Der schändliche Dieb, der sie um ihr bißchen Brot gebracht hatte. Ohne eigentlich viel zu wissen, was er tat, versetzte er dem Mädchen einen wuchtigen Schlag mit dem Schürbaum. Wie vom Blitz getroffen, sinkt es blutüberströmt zu Boden.
Von dem dumpfen Fall erwachten nun auch die anderen Köhler. Entsetzen ergriff sie und unsagbares Grauen vor dem schrecklichen Anblick. Sie machten ihrem Gefährten wegen seiner unüberlegten Tat die bittersten Vorwürfe. Aber was geschehen war, war geschehen. Es ließ sich nichts mehr ändern. Vielleicht gelingt es aber doch noch, das Mädchen am Leben zu erhalten? Sie tragen es zum nahen Brunnen, benetzen seine Schläfe mit dem frischen Wasser und flößen es ihm ein. Sie bemühen sich auf alle erdenkliche Weise um das Mädchen. Da geht plötzlich ein Zucken durch seinen schlaffen Körper. Es steckt also doch noch Leben in ihm. Die Köhler beginnen zu hoffen: man kann das Mädchen wohl doch noch retten. Jedoch vergeblich. Sie haben sich geirrt. Es war nur eine letzte Regung der Seele. Nun ist sie dem Körper entwichen und kalt und starr, vom Tode gezeichnet, liegt das Mädchen am Brunnen da vor den erschütterten Köhlern. Von Gewissensbissen gepeinigt, flohen sie durch den Wald Christophhammer zu und wurden nicht wieder gesehen.
Später fanden Waldgänger am Wasser die Leiche und brachten sie zur Stadt. Seitdem aber heißt die Quelle der „dicke Mädelbrunnen“.