Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 43. — Sonntag, den 19. Oktober 1930, S. 1 – 3.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde Annaberg bekanntermaßen wiederholt von verheerenden Brandunglücken heimgesucht, die mehr oder minder umfangreiche Teile der Stadt am Pöhlberg in Schutt und Asche legten. 1604, 1630, 1647 und 1664, diese Jahre bezeichnen schwarze Blätter in der Chronik Annabergs. Am wildesten wütete das Element am 27. April 1604, als es nicht weniger denn 700 Häuser, darunter fast alle öffentlichen Gebäude und den Turm der Annenkirche, fraß. Schon am 19. November 1630, als bereits der 30jährige Krieg seine Schatten über unsere Heimat zu werfen begann, flog der rote Hahn wiederum über die Dächer und ließ an die 373 Häuser als Trümmerhaufen hinter sich. Am 19. August 1647 brach erneut Feuer aus, doch fielen ihm diesmal nur 15 Häuser anheim. Umso schlimmer hauste es dann bei der letzten Brandkatastrophe des Jahrhunderts, der vom 5. Mai 1664.
Ein alter Bericht meldet folgendes hierüber:
„Anno 1664. d. 5. Maj. Abends gegen Eilff Uhr ist alhier zu Annaberg in der Wolckensteiner Gaßen bey Christoph Ebeln, zum göldenen Löwen (einem alten Gasthof), Feuer ausgekommen, wordurch die meisten Häußer sambt der Berg-Capellen, Superintendur und Rathhauß (in dem sich damals nach einer alten Angabe auch die Apotheke befand) innerhalb etzlicher Stunden eingeäschert worden. Da die gewaltige Flamme mit sehr großer Geschwindigkeit umb sich gefreßen, haben nicht allein allenthalben viel köstliche Mobilien und Haußgeräthe, sondern auch unterschiedliche Personen im Feuer und Dampff verderben müßen. Diese Feuers-Glut hat absonderlich an folgenden Orten grausam grassieret und aufgefreßen. Als erstlich die ganze Wolckensteiner sambt denen Seiten-Gaßen, drüber und drunter, ferner die Gerber- oder Fleischer-Gaßen sambt allen zu beyden Seiten gestandenen Häußern. E. E. Raths Mälz Hauß am Mühl-Thor und Kuttelhoff; die Vorwercke vor diesem Thor; So wohl die Closter Gaßen, als Fronauer- und Buchhölzer-Gaßen sambt allen Quer-Gäßlein biß uff etzliche Häußer, davon in gedachter etwa biß uff die Helffte weggebrannt, noch stehen. Die große und kleine Kirch-Gaßen biß an die Kirche sambt dem Marck tumb und umb; die Karten-Gaß, so weit die Superintendur gehet.“
Unter den erwähnten Opfern befand sich auch Martin Meyer, „geweßener Stadt-Richter (er hatte dieses Amt seit 1657 inne) sambt seiner Frauen verbrant, also gar, daß Sie kaum zu erkennen gewesen, ohne die so biß in den Tod beschädiget gewesen, davon hernach etliche sterben müßen, absonderlich aber Christian Arnold, gewesener Practicus Medicinae (Arnold bekleidete die Stellung eines Stadtarztes), welcher bey Rettung seiner Mobilien vom Feuer dermaßen beschädiget worden, daß er unter andern innerhalb wenig Tagen in seinen jungen Jahren diese Welt gesegnen müßen.“ Weiter kamen in den Flammen um : Samuel Richters Sohn, ein Tuchmacher, der bis auf die Hirnschale verbrannte; Maria, Abel Schreibers Witwe, und deren Tochter; der Fleischer Michel Goldschmidt und dessen Frau; die Witwe Maria Nestler; Ursula Hahn, eine alte Magd; die Witwe Katharina Siegert; der Spitalschulmeister Christian Feitel und seine Frau Maria; die Jungfrau Christiane Fiedler: das Kind des Schuhmachers Martin Seidel, das im Keller des Portenreuterschen Hauses in den Armen der Mutter erstickte, und schließlich Martin Seidels Weib, die drei Tage nachher verschied. Damit ist die Zahl der Opfer jedoch noch nicht erschöpft, denn in der zitierten „Band-Relation“ heißt es weiter: „Sonderlich aber ist hierbey dieses nach- und bedenklich, daß nicht allein unterschiedliche Gewölber ausgebrant oder eingegangen, theils von denen eingefallenen und eingeschlagenen Feuer-Eßen; Sondern es ist auch am 26. Maj als 3 Wochen nach dem Brand des Abends, als ein grausames Gewitter und Sturmwind entstanden, David Lindesays (damals Verwalter des Mühlenamts Annaberg) steinerner Giebel und Feuer-Eße eingeangen (eingestürzt), davon Stuben und Küchen-Gewölber sambt der Eckmauer alles uffn Grund zerschmettert und seine Tochter, nahmens Christina, tod geschlagen worden. Hierbey ist es noch nicht geblieben, sondern als acht Tage hernach, dem 2. Junii. Salomon Bauers, eines Schneiders, Frau, in der kleinen Kirch Gaßen, so hochschwangeren Leibes gewesen in ihrer Brandstätte, in einem Küchlein, so stehen blieben, etwas kochen wollen, darbey ihr Mägdlein von vier Jahren geweßen, ist dieselbe von einer eingegangenen Mauer sambt dem Kinde, so ihr nachgegangen, tod geschlagen worden.“
Im übrigen sei erwähnt, daß bei dem Brand zwei für jene Zeit umfangreiche und wertvolle Bibliotheken zugrunde gingen. Der Ratsherr Michael Zierold, dessen Haus von den Flammen vernichtet wurde, verlor nicht nur sämtliches Hausgeräte, sondern auch eine stattliche Büchersammlung, die 800 historische und rechtswissenschaftliche Schriften umfaßt. Ebenso wurde die Bücherei des damaligen Superintendenten, Lic. Georg Seidel, die einen Bestand von 100 Bänden im Werte von 1500 Gulden sowie zahlreiche Manuskripte aufwies, bei dieser Gelegenheit vernichtet.
Ein anschauliches Bild der Verwirrung und Not, die durch das Unglück hervorgerufen wurden, gibt ein von Meltzer in seiner „Historischen Beschreibung des St. Catharinenberges im Buchholz“ wiedergegebene Brief, den „damahls ein Handels-Consort Christoph Korb an den andern, benantlich Tobias Diezen, nacher Wien mit zitternder Feder und manches mahl mit verkehrter Mund-Art, geschrieben, mit diesem beweglichen Inhalt“:
„Laus Deo An. 1664 8. Maj. in S. Annaberg.
Gottes Segen zum Gruß und alles gutes beuor, lieber Bruder Tobias. Wenn du glücklichen nach Wien gelanget, ist mir es lieb zu uernehmen, Vns anlanget, dich Jämmerlich und Schmerzlich zu berichten, daß Vns Gott der Allmächtige dem vergangenen Freytag, nachts, mit einer großen Straff vnd Feuers-Brunst heimgesucht und drey Viertel von der Stadt, das vornehmste, abgebrandt Vnd wenig, der abgebrandt ist, davon herausgebracht, welches ich auch selbst erfahren, daß ich nicht einen Löffel oder Meßer heraus gebracht habe, auch wie es ist lautbar und offenbahr worden, weil es bey dem Ebel, als gultenen Löwen, ist außkommen Vnd so lang verhalten worden, biß es ist über vnd über das Hauß brent. So ist auch von der Wach noch von dem Thümer nichts gemeldt worden, biß Schwager Andreas Meyer Vnd Eusebius Lehmann über vnd über brandt, alsdenn kömmt ein Geschrey, daß Feuer in der Stadt, und darauff hat es der Thürmer allererst gemelt. So ich zum Bett hinaus gesprungen, ist es schon über und über gangen vnd des Summers Bräuhauß, auch Christoph Fleischers Hauß über vnd über brandt, so hab ich kaum so viel Zeit gehabt, daß ich nur die Hosen angeleget Vnd in der Eil meine Bettlein vndt Truhen in den Keller bracht, das Mensch (Dienstmagd) habe ich mit dem Pferd zu dir ins Hauß geschickt So ich aus dem Keller herauf gangen Vnd etwan was weiter oben herunter zu bringen, ist mein Häußl oben schon über vnd über brandt Vnd habe entlauffen müßen. So hat mein Weib den Tischkasten genommen vnd heraußen in den Kasten (Schrank), der in meinem Hauß stehet, gesezet, ich aber habe ihn mit heraus auff die Gaßen in die Mitten gezogen, weiter hab ich ihn nicht bringen können, weil das Sotler Hauß und des Zierolts schon über vnd über brent. So hat niemandt mehr in der Gaßen bleiben können, Vndt alle aus der Gaßen entlauffen mußen, so bin ich wieder umb zu dir gangen vndt mein Pferdt sambt mein Weib vndt Kindt hinaus nach Rückerswald geschafft zu Nacht umb 12 Uhr. Ich habe nicht ein Viertl Stundt in meinem Hauß, so es ist offenbahr worden, zu bleiben gehabt vnd mein Weib hat ohne Schuhe davon gehen müßen. Ich kann dir es nicht beschreiben, was vor ein Elend und Jammer in der Stadt gewest, vndt keines eine Handt an ein Hauß hat legen wollen, wie es dann auch nicht wohl hat seyn können, weil das Feuer so geschwind geweßen, auch der große Wind sich hin vnd her gewendet, daß die ganze Wolckensteiner Gaßen ganz in die Aschen gelegt biß hinauff zum Back Christopff vndt Chartenmacher, auch die klein vnd große Kirchgaßen biß an das Hauß, so der Thomas Wiedemann iezunder drinnen ist, so hat sich der Wind gewendet, wie wohl es schon etliche mahl gebrandt, aber mit vielen Leuten errettet worden, biß des Friesels Bräuhauß nieder gebrandt ist. Deß H. Emmerlichs Hauß ist durch viel frembde Leut, als durch Königswalder vnd andern mehr erhalten worden, doch alles zuschlagen (zerschlagen). Wenn auff diesen Zwo Gaßen weren die Häußer vollends angebrandt, so were darnach nichts mehr zu erretten gewesen. So ist, Gott lob! Kirch vnd Schul erhalten worden; aber der ganze Marckt herumb, Rathhauß, Capelle, Closter-Gaßen ganz abbrandt, in der Buchholzer Gaßen biß zum Nordhoff. In der Fronauer Gaßen sollen etwa noch acht Häußer unten am Thor stehen. Heute trägt man XI Personen zu Grab, die verbrandt vndt erstickt seyn: Bey der Schmidt Eblin sind 6 Personen in dem Keller erstickt vnd einer verbrandt, ist Niemand davon kommen als der Sohn. Dein Schwäher-Vater (Schwiegervater) sambt deiner Schwieger (-Mutter) sind auch im Feuer vmbkommen, die wirdt man kommenden Dienstag begraben. Bey Schwager Andreas Meyer ist großer Schadt auch geschehen vndt alles verbrandt, denn sein Gewölb eingefallen vndt die Wahr verbrandt. Es ist nicht genug zu beschreyben, was vor ein Elendt bey Andreas Meyern ist. Auch bey Gevatter Hannß Andreas soll auch nichts herausgebracht worden seyn vndt in dem Hembd davon kommen. So ich vernehme, sind auf 20 Personen vmbkommen, ohne die sich verbrandt vnd in großen Schmerzen liegen. Wie dann eine Person heut auch daran gestorben. Jezunder fallen die Rauchfäng ein vnd schlagen die Gewölber vndt Stuben ein. Wenn ich nur noch ein Viertl Stund Zeit gehabt, ob ich allein gewesen, so olt ich noch was in Keller bracht haben, so hab ich nichts und muß es Gott beuehlen, halte mich bey meinem Bruder in einem Stübel auff ohne Ofen, so hab ich weder Löffel, Meßer noch Teller. Wollest es dem Michl, der bey dem Marx ist, Vnser Elendt klagen, kann Dir nichts mehr vor großen Jammer schreiben.“
Bis hierher der Bericht Korbs, in dem hörbar das Entsetzen über die furchtbare Katastrophe nachzittert; anderseits „darff auch hierbey die Christl. Gelaßenheit und Großmüthigkeit des frommen und redlichen Mannes, des Tobias Diezens, nicht unbemercket bleiben da er auff voriges Jammer-Schreiben unter andern also geantwortet de dato Wien am 4. Junii 1664:
Habe am Sambßtag dein Schreiben empfangen und den jämmerlichen und schmerzlichen Zustand vnserer Stadt Annaberg wegen des schnellen Brandts und großen Schadens vernommen. Wie dann leicht zu erachten, daß in solcher Noth Schrecken vil Jammer und Elend gnug worden, müßens von Gott dem Allmächtigen vor eine Väterliche Züchtigung und Straffe erkennen, denn wir es als sündige Menschen wohl verdient haben. Der liebe Gott wird’s über Vermögen nicht aufflegen, sondern unser Creuz und Elend tragen helffen. Er hat verwundet, er wird auch wieder heilen und nach dem Ungewitter auch die Sonne wieder scheinen laßen. Der liebe Gott wolle Gedult verleihen und das große Unglück, so getroffen, überwinden helffen. Ich habe auch mit Schmerzen vernehmen müßen, daß mein H. Schwieger-Vater und Fr. Mutter haben müßen ihren Geist in der Feuers Brunst auffgeben, welches mich sehr betrübet, wills dem lieben Gott befehlen, der alles nach seinem Göttl. Willen zu machen weiß …“
W. L.