Das Bethlehemstift zu Neudorf.

Ein Christliches Liebeswerk für die Kinder des oberen Erzgebirges.

Von Pfarrer Gerhard Satlow in Buchholz.

Zeichnung
Bethlehemstift, Neudorf.

Die vielen Hunderte und Tausende, die in dieser Winterzeit auf das Sportgelände nach Oberwiesenthal mit der Bahn fahren, erblicken kurz vor der Station Vierenstraße auf der rechten Seite in der Fahrtrichtung, einsam am Waldrand gelegen, ein einzelnes Haus, in schmuckem, erzgebirgischem Heimatstil gebaut, mit einem Türmchen versehen, von einem großen Garten umgeben. Viele fragen wohl, was dies Haus zu bedeuten hat. Wir Einheimischen wissen es. (Oder weißt du es nicht, lieber Leser?) Es ist das dem Verein für evangelische Liebestätigkeit im Annaberger Bezirk gehörige Bethlehemstift in Neudorf, bestimmt, erholungsbedürftige Kinder auch während des Winters zur Pflege aufzunehmen.

Schon lange vor dem Kriege hat dieser Verein, der alle Kirchgemeinden und christlichen Frauenvereine des Bezirks zusammenfaßt, seine Tätigkeit begonnen. Die ersten 15 Kinder wurden in Königswalde verpflegt, später geschah es in einem in Unterneudorf gemieteten Heim. Im Jahre 1912 erbaute der Verein das jetzige Heim, das vielen Kindern unseres Bezirks eine Wohltat geworden ist, besonders seitdem der Krieg unsere Bevölkerung und unsere Kinder zumal gesundheitlich sehr geschwächt hatte. Auch im letzten Jahre sind über 200 Kinder im Heim verpflegt worden. Die meisten waren aus unserm Bezirk, und zwar waren 27 aus Buchholz, 16 aus Sehma, 15 aus Schlettau, 14 aus Ehrenfriedersdorf, 12 aus Thum, je 12 aus Annaberg, Frohnau und Wiesenbad, je 7 aus Bärenstein und Neudorf, je 6 aus Elterlein, Gelenau und Oberwiesenthal, je 5 aus Cunersdorf und Wiesa, 3 aus Geyersdorf, je 2 aus Grumbach, Jöhstadt, Königswalde, Schmalzgrube, Scheibenberg und Walthersdorf, je 1 aus Arnsfeld, Herold, Jahnsbach und Mildenau. So sind fast alle Gemeinden unsers Bezirks an der Unterbringung ihrer Kinder beteiligt. Ein Teil der Kinder kam aber auch aus anderen Bezirkes, nämlich 15 aus dem Bezirk Borna, 12 aus Leipzig. Die ersten Kinder kamen schon am 3. Januar und konnten noch ausgiebig dem Wintersport huldigen, die letzten verließen das Heim Mitte November. Alle kehrten sehr befriedigt und vor allem körperlich sehr gekräftigt aus dem Heim nach Hause zurück. Keins hat an Gewicht verloren, sondern alle wiesen bei der sorgfältig durchgeführten Wiegung eine erhebliche Zunahme auf, manche bis zu 10 Pfund. Die Leitung des Heims ist aber auch darauf bedacht, alle Maßnahmen zu treffen, um die gesundheitliche Wirkung in jeder Weise zu steigern. Dazu gehört in erster Linie die größte Ruhe. Die Kinder müssen lange schlafen, auch über Mittag noch eine Zeit lang ruhen und zeitig zu Bett. Sie werden mit schulischen Aufgaben nicht belastet, aber es wird auch eine vernünftige Erziehungsfürsorge ausgeübt. Soviel als möglich halten sich die Kinder im Freien auf, wobei die Leiterin mit ihnen leichte Freiübungen und gymnastische Uebungen vornimmt. Vielfach werden Spiele unternommen, auch wird der Gesang fleißig geübt. Die größeren Kinder unternehmen mit der Leiterin auch weitere Ausflüge nach dem Fichtel- und Keilberg, nach Tellerhäuser und dergleichen. Zu kleineren Gängen ladet der köstliche Wald, der dicht am Heim beginnt, täglich ein. Was für eine Lust ist es, dem Gesang der Vögel zu lauschen und das geheimnisvolle Leben des Waldes zu beobachten. Das ist etwas, was manches Kind noch nicht erlebt hat.

Kopie
Kinder des Bethlehemstiftes beim Turnen und Spiel.

Im Anfang hat manches Kind leicht etwas Heimweh. Es wird verstärkt, wenn die Eltern oder Geschwister das Kind des Sonntags besuchen. Aus dieser Erfahrung heraus sind Besuche der Angehörigen ganz unerwünscht und verboten. Die Wirkung der Erholung wird erfahrungsgemäß durch die Besuche gemindert, wenn nicht erheblich gestört. Durch fleißige Berichte werden die Eltern dauernd über das Ergehen ihrer Kinder unterrichtet. Für etwaige leichte Krankheitsfälle steht der Anstaltsarzt Dr. Braun in Neudorf sofort zur Verfügung. Dieser nimmt bei besonders geschwächten Kindern auch mehrfach Bestrahlungen mit Höhensonne vor. Besondere Kosten erwachsen den Eltern dadurch in keiner Weise.

Besonderer Wert wird im Neudorfer Heim auf eine reichliche und zweckentsprechende Ernährung gelegt. Die neueren Forschungen über den Nährwert der Nahrungsmittel, hinsichtlich Zuführung von Vitaminen und Basen sind der Anstaltsleitung bekannt, und die Auswahl und Zubereitung der Speisen wird demgemäß gestaltet.

Das Heim besteht nun 17 Jahre. Die Erholungsfürsorge hat in dieser Zeit mancherlei Entwicklung durchgemacht. Es müssen daher immer neue Forderungen berücksichtigt werden. Um sie auch im Neudorfer Heim durchführen zu können, soll in den kommenden Monaten ein Umbau des Heims stattfinden. Die Klosetts sollen Wasserspülung erhalten, eine Zentralheizung soll eingebaut werden. Der Aufenthaltsraum soll vergrößert und eine größere Küche durch einen Anbau gewonnen werden.

Die Kosten dieses Umbaues sind nicht gering und die Aufbringung der nötigen Bausumme macht der Leitung nicht geringe Sorgen. Ein Teil des notwendigen Baugeldes ist gedeckt durch ein unverzinsliches Darlehen des Arbeits- und Wohlfahrtsministeriums, ein Teil durch die im vorigen Jahre durchgeführte Haussammlung. Aber noch fehlen einige tausend Mark.

Zum Glück sind auch jetzt die Freunde des Heims nicht ausgestorben. Auch politisch links eingestellte Kreise haben sich gern bei der Haussammlung beteiligt, weil sie es wissen, welch eine Wohltat das Neudorfer Heim ist. Gegenwärtig sammeln die Frauenvereine für einen neuen Küchenherd. Auch du, lieber Leser, bist als Freund dieses schönen Liebeswerks herzlich willkommen. Jeder Pfarrer unseres Bezirks und jedes Vorstandsmitglied ist gern bereit, Liebesgaben an den Vorstand weiterzugeben, an dessen Spitze zur Zeit der Schreiber dieser Zeilen steht. Vor allem laden wir alle Leser herzlich ein, sich das Heim einmal anzusehen, sei es jetzt in der winterlichen Stille, oder aber im Sommer, wenn das Heim umgebaut sein und eine fröhliche Kinderschar sich dort wieder tummeln wird.

Der Vorstand des Heims besteht zurzeit aus folgenden Herren: Pfarrer Satlow – Buchholz, Vorsitzender, Oberkirchenrat Hanitzsch, stellvertretender Vorsitzender, Pfarrer Seltmann – Geyersdorf, Schriftführer. Weitere Mitglieder sind die Herren Pfarrer Gräfe, 1. Bürgermeister Dr. Krug, Kaufmann Lorenz, Lehrer Möbius, Kaufmann Uhlemann, Amtshauptmann Freiherr von Wirsing, sämtlich in Annaberg, Pfarrer Führer und Schuldirektor Mahn – Sehma, Kaufmann Hennig – Buchholz, Fabrikbesitzer Meyer – Wiesenbad, die Pfarrer Gerlach – Cunersdorf, Mehnert – Geyer und Zülch – Neudorf.