Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 16 vom 16. April 1939. S. 5.
In der Osterausgabe des T. A. W. berichteten wir eingehend über die Auffindung alter Malereien im Annaberger Rathaus. Bei dem Vorrichten des Raumes der Stadthauptkasse war man unter dem Putz auf Spuren von bildlichen Darstellungen gestoßen, die durch sorgfältiges Abschaben freigelegt wurden. Mit angespannter Aufmerksamkeit und größter Gewissenhaftigkeit folgte man der Linienführung und hatte bald die Freude, die Zusammenhänge alter Malereien aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts vor sich zu sehen. An einigen Stellen fanden sich die Farben noch gut erhalten. Nun konnte man im gleichen Farbton die verblaßten Teile verstärken und die Bilder plastisch herausarbeiten, so daß sich die Ansichten ergaben, die unsere oberen zwei Aufnahmen zeigen.

(Aufn.: Stadtbauamt Annaberg. T. A. W.-Bilderdienst.)
Im rechten oberen Bild ist die linke Figur noch im Zustand der Auffindung zu sehen, während die rechte Figur und die Umrahmung des Stadtwappens bereits restauriert sind. Die zerbröckelten und zerstückelten Teile des Annaberger Stadtwappens werden in Zeichnung und Farbe genau kopiert. Dann wird der Putz erneuert und darauf die Malerei neu und haltbar wieder aufgetragen. Auf diese Weise wird der alte Zustand wiederhergestellt, in dem unsere Vorfahren diesen Raum gestaltet haben.
Auf dem oberen rechten Bilde sehen wir ein Türgewände aus einer späteren Bauperiode mitten in die alte Malerei hineingetragen. Es ist inzwischen entfernt worden. Dadurch ist der gemalte Architrav, der rechts und links sichtbar ist, völlig freigelegt worden. Spuren von Malerei an der Wand zeigten auf, daß diese, ehemals wohl auch mit einem Rundbogen versehene Tür, bis zum Fußboden mit einer Wandmalerei geschmückt war, die rechts und links Säulen darstellt, die den Architrav stützen, der das von den zwei Figuren flankierte Stadtwappen trägt. (Mit Architrav bezeichnet man den von Säulen gestützten waagrechten Balken der antiken Bauten, der die Dachkonstruktion trägt.)
Auf der Abbildung links oben ist die rechte Engelsfigur, nachdem sie restauriert worden war, bereits überputzt worden. Sie stellt die Gerechtigkeit dar. Ihr Symbol, die Waage, ist noch deutlich erkennbar. Auch die Malereien um das alte sächsische Kurwappen wurden in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt. Die Mäanderkante oben rechts im linken Bild stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie fällt bei der Neugestaltung natürlich weg.
Ueber die Schildbögen an den Wänden, die, wie wir schon berichteten, ehemals mit Tuch bespannt waren, und über die Fensterbögen der alten Ratsherrenstube befanden sich ornamentale Malereien, die mit den Ornamenten um die beiden Wappen, über den Schrank und der Uhrnische, sowie um den großen Kamin übereinstimmen. Sie werden ebenfalls wieder angebracht werden. In der Kaminecke ist ein Ober- und ein Seitenteil der alten Malerei gut erhalten, so daß die fehlenden Stellen leicht ergänzt werden können.
Die steinernen Konsolen, die zur Stützung der Fensterbögen in die Wände eingelassen worden waren, tragen seitlich und auf der vorn von oben nach unten geneigten Fläche ebenfalls Malereien; seitlich Ornamente und im oberen der dreigeteilten Vorderansicht Bergmannsfiguren. (Abbildungen.) Im 16. Jahrhundert standen unter diesen Konsolen noch Säulen, die man jedoch bei der Einrichtung der Ratsherrenstube zu Anfang des 17. Jahrhunderts entfernt hat. Durch Wegfall dieser Stützen haben die Konsolen unter dem Druck der Obergeschosse sehr gelitten und sind stark zerbröckelt, so daß sich hier wichtige Ausbesserungsarbeiten notwendig machen.

Aufnahmen des Stadtbauamtes Annaberg. T. A. W.-Bilderdienst.)
Wenn gegen Pfingsten die Restaurierung der alten Wandmalereien der alten Ratsherrenstube beendet sein wird, werden wir unseren Lesern den Erfolg der mit feinem Verständnis vorgenommenen Arbeiten im Bilde vorführen. Heute wollten wir vor allen Dingen einmal an einem Beispiel aus unserer Stadtgeschichte schildern, wie mühevoll derartige Arbeiten sind. Architekt und Kunstmaler müssen verständnisvoll zusammenarbeiten, damit das vor Jahrhunderten Geschaffene in historischer Treue wiederersteht.