Heimatkundliche Plauderei von Deubner
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 134. Jahrgang Nr. 1 vom 5. Januar 1941. S. 1, 4.
Wir Menschen der lichterreichen neuen Zeit nehmen das gegenwärtige kriegsdunkle Annaberg als einen glücklicherweise nur vorübergehenden Ausnahmezustand hin, obwohl wir den romantischen Zauber des stillen, lichtlosen, monddurchfluteten Annabergs wohl empfinden, in dessen Altgassen Eichendorffsche Lieder zu träumen scheinen. So dunkel aber wie jetzt im Kriege und noch dunkler lag unsre Bergstadt früher im Frieden ständig. 100 Jahre nur sind‘s her, da brannten in der Buchholzer Straße an querüber gespannten Seilen drei matte Hängelampen.

Eine geringe Beleuchtung ward damals nur den Hauptstraßen zuteil. Noch früher, vor 1700, lag ganz Annaberg des Nachts in „grausiger Finsternis“. Ein Annaberger Bildchen aus jener Zeit zeigt uns, wie ein Bergmann sich die dunkle Straße durch eine Pechfackel erhellt, die er hoch in der Rechten hält. Nur „bei vorkommender Gefahr“ – wir verdunkeln aus dem gleichen Grund! – hatte ab 1692 die Bürgerschaft die an den Eckhäusern dazu angebrachten Blechpfannen mit Pech oder Kienspan zu versehen und anzuzünden. Dasselbe war vorgeschrieben für große Festlichkeiten oder für den Besuch hoher Persönlichkeiten. Als nächtliche Festbeleuchtung hat sich diese damals einzig mögliche und notwendige Stadtbeleuchtung in Deutschland bis heute erhalten, wenngleich das Pech von Fackeln und Feuerschalen anderen Leuchtstoffen gewichen ist. Annaberg hat demnach in seinem 444jährigen Leben die ganze Entwicklung des Beleuchtungswesens mitgemacht vom brennenden Kienspan und Pech über Talg-, Tran-, Unschlitt- und Wachslicht, Rüböl, Solaröl und Petroleum hinweg zu Gas und Elektrisch. Pechfackeln steckten damals vor 400 Jahren auch in den Fäusten der Bergmänner, wenn sie aus- und einfuhren zu Schacht, oder wenn sie abendliche Bergaufzüge veranstalteten, denn des Lichtes (Fackeln, Grubenlampen oder weiße Windlichter) konnte man dabei in den stockdunklen Straßen nicht entbehren. Die zu jener Zeit auch beliebten Stadt- und Turmilluminationen entsprangen vielleicht nicht so sehr einem Gestaltungswillen, als vielmehr dem Wunsch, die schwarze Stadt zu erleuchten. Ausführlich ist uns eine solche derartige Stadtbeleuchtung berichtet von Annabergs dreihundertjähriger Jubelfeier 1796. Auch von einer Annaberger Bergparade wird uns gemeldet, bei der unzählige Bergleute mit ihren Lichtern den Marktplatz umsäumten. Man sage nun nicht, daß in jener verkehrsarmen Zeit gar kein Bedürfnis für eine nächtliche Stadtbeleuchtung vorgelegen hätte. Wie heutzutage der starke Verkehr solche Beleuchtung als unbedingt erforderlich heischt, so tat das damals der unglaubliche Zustand der Straßen aller Städte, die, ungepflastert, bei Regenwetter Morästen glichen, und die von den Bürgern als Schutt- und Unratabladeplatz benutzt wurden. Man hatte aufzupassen, „daß man nicht stecken blieb und kein Bein brach“. 1849 war das obere Annaberg noch immer ungepflastert, und von 1818 liegt uns eine städtische Verfügung vor, wonach die Wegschaffung von Schutthaufen auf der Straße binnen 14 Tagen gefordert wird! Nun verstehen wir auch die Verordnung jener Zeit, daß kein Bürger abends ohne Licht ausgehen dürfe. Wir jetzt allerdings sollen möglichst ohne Licht ausgehen. Ein Kuriosum dünkt uns heute, daß auch in diesen Laternen damals der Standesunterschied zum Ausdruck kam, und zwar durch den Größenunterschied. Die Reichen ließen sich die Laternen durch ihre Bedienten vorantragen. Die um 1809 in Schneeberg noch bezeugten Singumgänge, bei denen die Berglieder singenden Bergsänger mit Zither und Stangenlaternen umgingen, sind noch ein Erinnern an jene dunkle Zeit ohne Stadtbeleuchtung. Damals wie heute verfügte man behördlicherseits, abends nicht unnötig umherzulaufen, und damals wie heute setzte man eine frühere Polizeistunde fest, allerdings damals schon auf 9 Uhr, wie aus der Annaberger Ratsverordnung für die „Bierörter“ aus dem Jahre 1683 ersichtlich ist: „Also wollen wir ernstlich gebothen haben, daß zum längsten abends um 9 Uhr die Biergäste abzahlen und sich still und friedlich nach Hause begeben, auch die Wirthe nach solcher Zeit ihnen nichts an Bier liefern lassen, und welcher Wirth solches nachgiebet, soll nach Gelegenheit mit 2, 3 und mehr Thalern gestraffet werden, darauf die Nachtwache auch fleißig Achtung zu geben befehligt ist.“ In den Nachtwächterinstruktionen hieß es ausdrücklich, daß sie sich auch nicht durch Angebot eines Trankes von ihren Pflichten abbringen lassen dürften. Die Nachtwächter – 1748 waren ihrer zwei – hatten die Stunden auszurufen, und in ihrem jedesmaligen Hornruf zum Stundenschlag lag die geheime Warnung: „Verwahrt das Feuer und das Licht!“ Das offene Licht jener Tage, der Kerzen und Rüböllampen, barg ja eine viel größere Feuersgefahr in sich. 1862 erst wurden in Annaberg die Rübölfunzeln durch die Solaröllampe verdrängt. Emil Finck erzählt uns in dem Pöhlbergbuche „Es war einmal“ in der Kindheitserinnerung „Wandelbare Freundschaft“ ganz köstlich von dem Aufsehen erregenden Erscheinen der ersten Solaröllampe in Annaberg Silvester 1862, wie sie am Abend zur Mette mitgenommen wurde, um sie gleichsam für ihren späteren Alltagsdienst zu weihen, wie sie in der Kirche all die vielen Lichteln überstrahlte, die jeder Kirchbesucher vor seinem Platze der Sitte gemäß aufgeklebt hatte, und wie sie sogar den Glanz der zwei großen messingenen, kerzenbesteckten Kirchenhängeleuchter überbot.

Die Solaröllampe „nahm den Lichtkampf auf mit dem armseligen Geleucht umher“. (Zeichnung von Rudolf Köselitz)
Kaum glaubt man, daß die alte, trübe, qualmige Rübölfunzel erst ganz allmählich dem neuen Beleuchtungskörper wich. „Gewohnheit ist des Menschen Amme!“ Jetzt sind solche zinnerne oder messingene Rübölleuchten ein heiliges Familienandenken aus der Ahnen Zeit oder – ein Museumsstück. Natürlich wartet auch unser Erzgebirgsmuseum mit einem anschaulichen Ueberblick über die Entwicklung der Beleuchtung auf. Die verschiedensten Beleuchtungsgegenstände aus den verschiedenen Zeitabschnitten sind da vertreten: Kienspanhalter als Tischleuchte oder zum Aufstellen auf den Fußboden, Tranlampen mit Kienspanhaltern, also für Doppelbeleuchtung eingerichtet, Keller und Hausleuchter für Talg- und Stearinkerzen mit Lichtaustüpfern und Lichtputzscheren (bei deren Anblick uns Goethes Ausspruch in den Sinn kommt: „Wüßte nicht, was sie Besseres erfinden könnten, als wenn die Lichter ohne Putzen brennten!“), Kerzengießformen, bergmännische sogenannte Froschlampen aus dem Jahre 1672, Spitzbubenlampen für Rübölbrand, Solaröl-, Petroleum- und Gaslampen. Wir staunen, daß so viele der Beleuchtungsgegenstände mit ganz einfachen, aber durchaus praktischen Vorrichtungen versehen sind, so z. B. zum Höher- oder Niedrigerstellen des Lichtes, oder mit beweglichem Halter, der die Kerze in jeder Lage geradestehend brenen läßt. Eine sehr große Laterne für Kerzenbeleuchtung (im Museum) könnte die Türmerlaterne gewesen sein, die bei ausbrechendem Feuer in das der Brandstätte zugerichtete Fenster zu stellen war.
Schauen wir uns im Hausflur des Museums den großen Rübölhängeleuchter (später für Kerzen umgearbeitet) aus dem alten Annaberger Stadttheater von etwa 1875 an, so können wir die Stoßseufzer der Besucher dieser alten Kunstscheune wohl verstehen über die mangelhafte Beleuchtung und den Rübölfunzelqualm, der die Besucher der Galerie „dem Ersticken nahe gebracht hätte“, wenn man sie nicht durch Glasfenster vom übrigen Theaterraum abgeschlossen hätte. Die Theatererinnerung einer alten Annabergerin von Mozarts Zauberflöte anno dazumal erschöpft sich bezeichnenderweise in dem Satz: „Ich weiß bloß noch, daß es kolossal finster drin war, und daß man vor Oelfunzelqualm nichts sehen konnte.“
Auch verschiedenartige Annaberger Straßenlaternen finden wir im Erzgebirgsmuseum. Die öffentliche Beleuchtung Annabergs hat natürlich mit der Innenbeleuchtung Schritt gehalten und ging denselben Weg. Von der zeitweiligen Beleuchtung durch Pech und Kienspan in den Eckhauspfannen ab 1692, die wegen ihrer Kostspieligkeit zu keiner Dauereinrichtung werden konnten, ging man schon bald nach 1700 dazu über, am Markt und in der Wolkensteiner Straße Laternen auf Pfählen aufzustellen, die sicher wie die ersten Laternen in anderen Städten jener Zeit Tranlaternen waren. Annaberg war eigentlich recht fortschrittlich mit dieser Neuerung. Denn nur ein paar Jahre früher erhielt ein Teil der Hauptstraße zu Bremen die Beleuchtung durch Tranlampen, und erst 1798 wurden auch die übrigen Straßen dieser Hansestadt beleuchtet. Berlin hatte auch erst 1682 die ersten Pfahllaternen aufgestellt. Ganz Deutschland kannte eben bis nahezu 1700 keine Straßenbeleuchtung. Bald nach 1800, also 100 Jahre später, verbesserte sich Annabergs Stadtbeleuchtung laufend. Zunächst hängte man, an querüberspannten Seilen, in Straßenmitte Rüböllaternen auf, deren Unterhaltungskosten die Anwohner der erleuchteten Straßen aufzubringen hatten durch freiwillige wöchentliche Beiträge von 6 oder 9 Pfg., bis zu 1, 2 oder gar 4 Groschen. 25 bis 30 Thaler jährlich gewährte der Rat der Stadt zur Beleuchtung des Marktpatzes. Die Unterhaltungskosten der Laterne am Wolkensteiner Tor trug die Accisbehörde. Von nun an wuchs die Beleuchtung in Annaberg zusehends. Von 1832 ab datieren die besonderen Straßenbeleuchtungsakten im Ratsarchiv. Wir erfahren da, daß man 1832 5 Laternen in der Buchholzer Gasse hatte, 3 in der Großen Kirchgasse, 4 in der Wolkensteiner, 5 am Markt und Klosterasse. Die Laternen wurden täglich mit einem halben Pfund Rüböl gespeist, einige auch mit ¾ Pfund. Sie brannten sommers bis 2 Uhr morgens, winters bis nach 12 Uhr. 1849 verbrannte Annaberg für seine 67 Laternen je Abend 17 Pfund 16 Loth raffiniertes Rüböl, jährlich 23 Zentner 60 Pfund.