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Die Frau Zustellerin

175 Jahre Briefträger – Privatdiener und das Briefträgerinstitut – Zustellung höherer Werte als 50 Taler war unerlaubt.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt, Nr. 13, 30. März 1941, S. 1, 4.

Kopie
Sie steht „ihren Mann“
(Aufn. Joachim Schulze, Chemnitz)

Wenn heute die Briefträgerin, Zustellerin, wie sie offiziell heißt, von Haus zu Haus geht mit ihrem blauen Käppi und bei regnerischem Wetter mit der weiten Pelerine umgetan, unter der sie außer sich selbst auch alle Schätze, die sie in die Haushalte tragen soll, bergen kann, wenn wir sie heute so sehen, ist sie uns eine selbstverständliche Erscheinung geworden, wie Frauen überall dort eingesprungen sind, wo Männer wichtigere Arbeit im Dienste der völkischen Aufgaben zu erfüllen haben. Hier kann die Frau „ihren Mann stehen“. Und sie tut es mit Freude und Bereitschaft. Wenn früh die Post durch den Schlitz ins Haus fällt, ist schon stundenlange Vorarbeit geleistet worden. Die Briefe müssen sortiert, gesichtet, dann nach Straßen und Hausnummern geordnet werden, damit die Briefträgerin sie laufend herausnehmen kann, ohne lange suchen zu müssen. Die Einschreibbriefe müssen registriert, die Zeitungen nach der Zeitungsliste für die Empfänger aussortiert und die Zeitungsbestellquittungen ausgefüllt werden, Rundfunkquittungen sortiert – kurzum, ein Berg Arbeit ist zu erledigen, ehe die Empfänger des Postboten ansichtig werden. Aber die Frauen, die durch erfahrene Kräfte angelernt wurden, haben sich schnell in die Arbeit gefunden und sie kommen stets mit einem frohen Wort auf den Lippen, einem freundlichen Blick, so daß selbst die schwerwiegendste Botschaft ein Gewichtlein leichter wird.

So neu wie für die Frau dieser Beruf scheint – abgesehen davon, daß wir uns der Briefträgerin im Weltkrieg erinnern – so führt die Frau doch eine lange Tradition fort. Die Geschichte des Briefträgers ist im April 175 Jahre alt. Und wenn man von der offiziellen Bestätigung absieht, hat sie bald ihre 300 Jährchen auf dem Rücken. Eine Briefzustellung begann bei der preußischen Postverwaltung damit, daß seit 1680 sich die Empfänger ihre Post selbst an den Posthäusern abholen konnten, nachdem sie auf öffentlich aushängenden Karten davon Kenntnis genommen hatten, daß für sie ein Brief eingegangen war. Später sandten die Postmeister gegen eine Gebühr von 3 Pfg. einen Privatdiener zur Bestellung des Briefes; hieraus entwickelte sich dann das Briefträgerinstitut. So wird schon 1698 ein Briefträger in Berlin erwähnt, und ab 1712 findet schon eine Hauszustellung in Berlin statt gegen eine entsprechende Gebührenzahlung. Seit 1825 hören wir von einer Zustellung von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefsendungen, von Begleitbriefen zu gewöhnlichen Paketen, von Ablieferungsscheinen zu Wertsendungen und zu Briefen mit Bareinzahlung. Höhere Werte als die Kaution der Briefträger durften nicht zugestellt werden – und diese betrug 50 Taler. Alles übrige mußte sich der Empfänger selbst abholen.

Vom Botendienst entwickelte sich die Postzustellung zu einer Vermittlung innerhalb der Wirtschaft und der Volksgemeinschaft, deren verantwortlicher Träger der Zusteller ist, den jetzt auch bei uns tatbereite Frauen abgelöst haben, um den Mann für den Einsatz an anderer Stelle freizumachen.