Vortrag im Chemnitzer „Roland“.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 10. – Sonntag, den 3. März 1929. S. 2.
Eine Frankensiedlung?
Im „Roland“, dem unermüdlich tätigen Verein zur Förderung der Stamm-, Wappen- und Siegelkunde, sprach dieser Tage Prokurist Hofmann—Burkhardtsdorf über „die Geschlechter der Gemeinde Gelenau“. Der von einem außerordentlichen Quellenstudium zeugende Vortrag bot auch viel über den eigentlichen Forscherkreis hinausgehendes Interessante, da der vorausgehende ortsgeschichtliche Ueberblick bezeichnend war für die Besiedlung des Erzgebirges überhaupt.
Der Vortragende war bei seinen Familienforschungen auf ungewöhnliche Schwierigkeiten deshalb gestoßen, weil jetzt noch etwa 10 Prozent der gegen 7000 Einwohner Gelenaus Hofmann heißen. Im 15. Jahrhundert betrug dieser Satz sogar 15 v. H. Er hat daher wenigstens für die Zeit bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Feststellung sämtlicher Personen erstrebt, die in Gelenau gelebt haben. Zu diesem Zwecke hat er die in Frage kommenden Urkunden zusammengestellt und über sie eine Tabelle ausgearbeitet.
Um Aufschluß über die ursprüngliche Besiedelung Gelenaus zu bekommen, ist der Vortragende den einzelnen Ausdeutungen des Wortes Gelenau (früher Geilenau) nachgegangen. Am wahrscheinlichsten erscheint ihm bei der Gleichheit vieler Ortsnamen eine Besiedelung von Gelenau und Umgegend durch Franken aus der Lahngegend, findet sich doch auch dort bei dem Orte Geilenau die Ortschaft Herold. Auch die Anlage Gelenaus als Angerdorf (die durch Steige verbundenen Güter liegen erhöht zu beiden Seiten der Talmulde) scheint ihm dafür zu sprechen. Nord- und Südteil des Dorfes haben lange Zeit zu verschiedenen Herrschaften gehört. Sie besaßen aber einen gemeinsamen Thingstuhl. Auch blieb der in der Talmulde gelegene Dorfanger gemeinsam. Die Vornamen sind in Gelenau in jener Zeit meist biblisch, besonders neutestamentlich. Daraus ergibt sich eine große Gleichnamigkeit, die führten besonders unter den Hofmanns zu einem umfänglichen Gebrauche von Spitznamen. Von besonderem Einfluß auf die Bevölkerung Gelenaus war die Pest von 1599, die ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte („wüste Güter“). Im dreißigjährigen Krieg versagen die Quellen. Besonders verheerend wirkte der Einfall Baners.
Die Bevölkerung Gelenaus, die ursprünglich fast nur Landwirtschaft betrieben hatte, war später stark im Fuhrwesen beschäftigt (Salzfuhren). Ein weitverzweigtes Fuhrmannsgeschlecht war die Familie Uhlig. Später hatte die Maurerinnung in Gelenau viel Zulauf; so viel, daß die Meister in der Annahme von Lehrlingen beschränkt wurden, weil es sonst an landwirtschaftlichen Arbeitern fehlte. Später nahm die Leinweberei überhand. Mitte des 18. Jahrhunderts kam die Strumpfwirkerei nach Gelenau. Jetzt sind 60 Prozent der Bevölkerung Gelenaus im Textilgewerbe beschäftigt.
An Künstlern stammen aus Gelenau: Andreas Löscher, später in Augsburg, und Philipp Jakob Jud, dem der Altar der Kirche in Zschopau zuzuschreiben ist.