Illustrierte Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. 24. Februar 1929. S 1.
Aus dem Leben eines Oberwiesenthalers.
Nicht jedem Sterblichen ist es vergönnt, in seinem Gewerbe ein solch hohes Alter zu erreichen. Wer es erlebt, wird immer auf ein reichliches Leben voll Arbeit, in vielen Fällen auf Erfolg, aber auch auf Sorge und Leid zurückblicken können. Ein solches Leben hat unser Kollege Franz Ströher in Rothenkirchen i. Vogtl., der am 21. Februar 1929 75 Jahre alt wird, zurückgelegt; ein schon reiches Leben, das durch die Fülle der Erlebnisse die Jüngeren zur Ehrfurcht bewegen muß.
Ich selber kenne Franz Ströher schon seit mehr als einem halben Jahrhundert. Im Jahre 1877 arbeitete ich mit ihm in Dresden zusammen und später in Chemnitz. Franz Ströher ist am 21. Februar 1854 in Oberwiesenthal geboren und hat seine Jugend dort verlebt. In Oberwiesenthal erlebte Ströher als 12-Jähriger die Wirren des Bruderkrieges von 1866 gegen das alte Oesterreich. König Johann von Sachsen betrat nach beendetem Krieg in Oberwiesenthal wieder den Boden seines Landes.
Den heutigen Modeort darf man natürlich nicht vergleichen mit dem Geburtsort Oberwiesenthal, der seinerzeit keine Eisenbahn hatte. Er lag abgeschieden und unentdeckt in den strengen Wintern jener Jahre ohne Wintersport, manchmal wochenlang von der Welt abgeschieden. Die Einwohner von Oberwiesenthal waren fleißige, aber meist sehr arme Leute, von denen sich drei und auch vier Parteien in eine einzige Stube der ärmlichen Häuser teilen mußten. Dort, am Fensterlicht zusammengedrängt,verdienten sie mit Posamentenarbeit und Klöppelei nur wenige Pfennige. Da war denn Schmalhans Küchenmeister und als der kleine Franz —in der Familie Ströher Karl gerufen — als fünftes Kind zur Welt gekommen war, mußte der älteste Bruder täglich eine Stunde länger klöppeln, damit für den Säugling die Milch gekauft werden konnte. Der Vater starb, als der Kleine drei Jahre alt war, die Mutter schlug sich mit den Kindern, die alle fleißig klöppeln mußten, tapfer durch. Sie verkaufte ihre Haartülle und diejenigen ihrer Nachbarn an die damaligen deutschen Großhandlungen. Man kann demnach die Firma „Mutter Ströher“ als die Wurzel der heutigen Firma Franz Ströher bezeichnen. Diese ist ja wohl jedem Kollegen bestens bekannt, wenn auch den Gründer selbst die jüngere Generation nicht persönlich kennen wird, da er nicht mehr selbst die Kundschaft besucht. Wir Alten, die den kleinen, lebhaften und einfachen Franz Ströher auf unseren Verbandstagen überall begrüßen und scherzhaft als „Haartüllstrich“ uzten, werden ja immer weniger.
Aus der Enge der Heimat und der Jugendjahre trieb es Ströher fast sein ganzes Leben hinaus in die Welt zum Schauen und Lernen. So folgten den Lehrjahren die Wanderjahre von 1873—1880, die ihn über Witten, Mainz, Karlsruhe nach Amsterdam führten, überall in ersten Häusern tätig, wo er immer bestrebt war, zu lernen und die Bedürfnisse seines Berufes zu erkennen. Die Perückenmacher — Friseure und (größtenteils waren es die) Coiffeure, waren damals gerade dazu übergegangen, das Rasieren mit auszuüben, sodaß man dies als Gehilfe erst noch lernen mußte. Vorher war es nämlich ein ausschließliches Recht der Barbiere und wenn ein verwöhnter Gast bei Coiffeur auch mit rasiert werden wollte, so mußte ein benachbarter Barbier vom Stift zu Hilfe gerufen werden.
Von Amsterdam führte der Weg nach Köln, Rorschach, Luzern, Montreux und auf den Rigi, wo Franz Ströher in dem internationalen Rigi-Kaltbad zweimal in Stellung war. Von Hanau aus besuchte Franz Ströher die große Ausstellung in Paris 1878, die ihm für seine Geschäftsgründung wertvolle Anregung gab. Zuletzt ging es noch über Görlitz nach Karlsbad. Hier, der Heimat nahe, wurden die Wanderjahre beendet und, da die Heimat selbst zur Fortführung des mütterlichen Haartüllgeschäftes nicht geeignet erschien, siedelte Franz Ströher nach Rothenkirchen i. V., dem zweiten sächsischen Mittelpunkt der Haartüllklöppelei über. Am 1. Juli 1880 (bald sind es 50 Jahre) kam Ströher über Aue und Schneeberg mit der Postkutsche in Rothenkirchen an und gründete seine heute weltbekannte Firma.
Das Geschäft, das als Haartüllfabrik begann, hat sich durch die Jahrzehnte dauernd erweitert. Nacheinander entstanden die Abteilungen Perückenmacher-Materialien, Haarzurichterei, Perückenfabrik, Wachsbüsten, Friseurwäsche und schließlich der Apparatebau (Dauerwell-Apparat „Wella“).
Die höchste Zahl der Arbeiter und Angestellten von 150 mußte freilich durch den Einfluß der Kurzhaarmode eingeschränkt werden, doch hat es die Firma Franz Ströher durch die erwähnten Umstellungen verstanden, ihren Umsatz dauernd zu heben, gewiß ein schöner Beweis für die Güte ihrer Erzeugnisse. So stolz der Gründer auch heute auf die Erfolge seiner Firma blicken kann, blieb ihm andererseits persönlichen Leid nicht erspart. Von 5 Söhnen, die im Weltkrieg das Vaterland verteidigten, sind 3 gefallen.
Die beiden Söhne Karl und Georg leiten heute die Firma, die im nächsten Jahre ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert. Ihrer Weiterentwickelung darf man berechtigtes Vertrauen entgegenbringen, den Gründer aber zu seinem 75. Geburtstag herzlich beglückwünschen und ihm einen heiteren Lebensabend wünschen.
Paul Gußmann, Leipzig.