Mariä Lichtmeß im Erzgebirge

Illustrierte Wochenbleilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Sonntag, den 3. Februar 1929. S. 3

Zum 2. Februar.

Von Horst Henschel — Schwarzenberg.

Das Lichtmeßfest, das in früherer Zeit als Christusfest und erst später als Marienfest gefeiert wurde, ist der Erinnerung an die erste feierliche Einführung des Jesuskindes im Tempel zu Jerusalem geweiht und wird hauptsächlich in katholischen Kreisen begangen. Allein im Volksbrauch spielt der Lichtmeßtag noch immer seine alte Rolle, vor allem als Lostag. Denn das Lichtmeßwetter soll entscheidend sein für die Witterung des Jahres. Eine Bauernregel sagt:

Wenn‘s zu Lichtmeß stürmt und tobt,
Der Bauer sich das Wetter lobt.

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Zu Lichtmeß soll es schneien, dann ist der Bauer zufrieden. Denn:

Lichtmeß im Klee
bringt Ostern im Schnee.

Wenn‘s um Lichtmeß nur so viel schneit,
daß man‘s auf einem schwarzen Ochsen sieht,
so wird‘s bald Sommer.
Ist‘s hell und klar,
so dauert der Winter noch lange.

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Andere Bauernregeln lauten:

Dunkle Lichtmessen bringt reichlich Essen;
Lichtmeßhelle bringt Mangel zur Stelle.

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Wenn an Lichtmeß die Sonne scheint,
dann dauert der Winter noch lange.

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Wenn es zu Lichtmeß trüb ist, so kann der Schäfer vier Wochen eher austreiben; scheint aber die Sonne, so muß er vier Wochen länger zu Hause bleiben.

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Der Schäfer sieht zu Lichtmeß lieber den Wolf im Stall, als den Sonnenschein.

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Sonnt sich der Dachs in der Lichtmeßwoch,
so geht er vier Wochen wieder zu Loch.

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Lichtmeß hell und klar,
ist der Winter weder halb noch gar.

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In Süddeutschland und im Erzgebirge war der Lichtmeßtag ein beliebter Ziehtag für die Dienstleute, die noch etwas vom Karneval genießen wollten und darum nicht gleich wieder einen neuen Dienst antraten.

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In Wiesa bei Annaberg sangen die abziehenden Dienstleute:

Heit is mei Gahr aus,
do zohlt mich mei Harr aus,
do namm ich mei Ranzel
un mach mr noch e Tanzel.

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Die Zeit nach Lichtmeß wurde also gewöhnlich in „dulci jubilo“ verbracht oder „verschlenkert“, wie man‘s nannte, weshalb man diese Zeit auch die Schlenkerzeit nannte.

Die Lichtmeßbräuche sind im Erzgebirge nur noch selten und vereinzelt zu finden. In Crottendorf, Oberwiesenthal und Schlettau pflegt man in diesem Tag Lichter ans Fenster zu stellen. In Neudörfel achtete man darauf, daß das Vieh nicht bei Licht gefüttert wurde. In Wiesa kennt man noch folgenden Reim:

Zu Lichtmessen,
da können die Herren zu Tage essen,
die Bauern,wenn sie Zeit haben,
die Bettelleute, wenn sie Brot haben.

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Nach einigen Forschern soll das Lichtmeßfest aus einem Fackelfest entstanden sein, das die alten Römer zu Ehren der Göttin der Fruchtbarkeit Ceres feierten. Das Christentum übernahm die Bräuche und Kulthandlungen dieses heidnischen Festes, gab ihm aber christlichen Inhalt. Damit verfolgte die christliche Kirche eine kluge Taktik insofern, als „der Bekehrte mit den gewohnten Sitten und Symbolen allmählich einen anderen Sinn verband, so daß durch diese Wandlung der heidnischen Formen die neue Lehre zu geräuschlosem siege einzog.“

Die kirchliche Erklärung der alten Lichtbräuche zur Lichtmesse — der Kerzenweihe, wie überhaupt der Bedeutung der Lichtmeßkerzen — geht dahin, daß die brennenden Lichter das Sinnbild des Jesuskindleins seien, das nach dem Wort des greisen Simon im Tempel als das Licht der Welt die Menschheit erleuchten werde.