Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 52. — Weihnachten 1930, S. 2.

Herr Klischeefabrikant Richard Schmidt, Dresden, Webergasse 23, stellt uns einen Brief seines verstorbenen Vaters, des Herrn Eduard Schmidt in Buchholz, zur Verfügung, in dem in anschaulicher Weise eine kleine Wanderung nach Gottesgab in dem schnee- und stürmereichen Winter 1904 bis 1905 geschildert wird. Herr Schmidt war damals 68 Jahre alt. Der in dem Briefe genannte Anton ist Anton Günther, der bei Herrn Schmidt in Buchholz als Lithograph in der Lehre gewesen ist. Das beigegebene Bild zeigt uns Gottesgab im Winter 1904 bis 1905. Das Klischee hierzu hat Herr Schmidt nach einer Photographie angefertigt und unserer Zeitung zur Verfügung gestellt.
Ich will Dir erzählen, wie meine Reise nach dem „Neuen Haus“ am 1. bis 3. Februar ausgefallen ist, und zwar zur Warnung, daß man sich nicht in Gefahr begeben soll, denn es ist oft leicht um das bissel Leben geschehen.
Am Mittwoch besuchte mich früh Herr Sonnenschein aus Chemnitz und sprach den Wunsch aus, er möchte gern den Fichtelberg besteigen. Als guter Gebirgischer, der etwas aushält und da es bei uns in Buchholz nicht gerade stürmisch war und mein Begleiter Sonnenschein hieß, hatte ich keine Bedenken, die Tour nochmal mit zu unternehmen.
Wir fuhren mit dem Mittagszug nach Oberwiesenthal und staunten über die gewaltigen Schneemassen und freuten uns auf das Marschieren. Wir besuchten den Bildschnitzer Hertelt, und da er keine Befürchtungen hatte, daß wir ohne Gefahr den Aufstieg wagen könnten, und er uns zudem noch tüchtig verpackte, ging es dann rüstig vorwärts.
Doch als wir oberhalb Wiesenthals nach rechts abbogen, blies dort der Sturm schon so gewaltig und der Schnee lag so hoch, daß ich vorschlug, auf der Straße zu bleiben und die Nacht im „Neuen Haus“ zu verbringen.
Aber ach, wie fürchterlich hauste der Sturm und wie toll war das Schneetreiben! Welch schrecklicher Weg! Wie oft mußten wir uns gegenseitig aus dem Schnee ziehen! Bald gingen wir mit den Spitzen der Bäume gleich, bald wieder unten.
Ich hatte meinen Kognak bei mir, aber der Sturm ließ es nicht zu, die Flasche an den Mund zu bringen.
Halben Wegs barmte Sonnenschein: Was soll daraus werden? Worauf ich ihm zurief: Aushalten! An nichts denken! Vorwärts, den Mut nicht verlieren! Und aufgepaßt, daß wir von den Bäumen nicht abkommen und das Licht nicht übersehen! Wie oft sah nun Sonnenschein Licht, doch mag ihm die Angst solches vorgespiegelt haben.
Endlich, endlich, nach furchtbaren Anstrengungen und bald ganz ermattet sah ich das Licht. Die Lebensgeister wurden neu rege, und mit Hurra belagerten wir das Haus, welches eingeschneit war. Auf unser lautes Brüllen kamen die Leute und machten Bahn. Und wie schön war es nun in dem Stübel auf der Ofenbank und dann im Bett, das sehr schön und gut gewärmt war. Als ich im Bette lag, kam Sonnenschein zu mir, nahm mich beim Kopf und dankte mir, daß ich ihn ans Ziel geführt. Donnerstag vormittag kamen Hieke und Anton, die uns bereden wollten, doch nach dem Berg zu gehen. Ich hatte genug, doch Sonnenschein wurde ins Schlepptau genommen und fuhr dann mit dem Hörnerschlitten nach dem „Roten Vorwerk“. Ich bat den Kutscher, mich nach Wiesenthal zu fahren, doch sträubte sich der Kutscher, wegen des Sturmes das Pferd herauszuziehen. Und so riskierte ich es, mit nach Gottesgab zu gehen, doch nur, da ich geführt wurde. Aber welche Schneemassen gab es da! Bei Oppel vor der Türe Schnee bis ans Dach. Der Wein war gut, der Aufenthalt gemütlich. Dann ging es mit Geschirr zurück. Aber an ein Heimfahren (nach Buchholz) war auch heut noch nicht zu denken, und so mußte ich die zweite Nacht oben verweilen und blieb mit Anton bis abends10 Uhr bei seinen Liedern sitzen.
Die Heimfuhr am dritten Tag war schaurig schön. Als ich nach Neudorf kam, traf ich den alten Schmiedel, Doktor genannt. Den fragte ich: „Nu, wie gihts in Kretscham?“
„Innu, ´s hot mersch Heisel eigeschneit. ´s hot dos ober aah sei Guts. Weil bei uns de mehrschten Fanster zerbrochen sei, hoom mer nu racht schie ruhig schlofen könne, ´s hot net esu gepfiffen.“
Im Wagen erzählte der Förster den Leuten, daß der ärgste Sturm am Mittwoch Abend gewesen sei. Gott Lob und Dank, daß wir dem Tode entgangen sind. Am Freitag kam ich glücklich zu Hause an. Mir ist wieder recht wohl, wenn ich auch noch etwas angegriffen bin.