„Die alte Treu, gebirg’sche Art, bleibt immerdar auch Dir gewahrt.“

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 49. — Sonntag, den 30. November 1930, S. 1.

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Oberlehrer und Schulleiter Robert Wünsche †.

In Buchholz hat ein Mann die Augen für immer geschlossen, dessen Name weithin bekannt war, weit über die Mauern der Stadt seiner Tätigkeit hin und weit auch über das Erzgebirge hinaus. In Kreisen der Schule, in stadtparlamentarischen Kreisen, in der Sängerschaft unseres Gebirges nicht nur, nein, überall nannte man mit Respekt und Liebe den Namen Robert Wünsche. Als Lehrer und Schulleiter haben im Laufe der Jahrzehnte Tausende ihn kennen und schätzen gelernt, haben sich unter ihm das Rüstzeug der Schule geholt, haben, begleitet von seinen Segens- und Wunschworten, den Gang ins Leben angetreten und später dann, so oft seiner dankbar gedacht. Ja, er war ein idealer Meister der Schule, der mit unbestechlicher Treue und Selbstlosigkeit, wie es Lehrerschaft und Schulausschuß so treffend in ihrem Nachruf gekennzeichnet, seines Amtes waltete und seine Kraft im Dienste der Erziehung verzehrte. Und er war auch ein prächtiger Kollege, dessen Wesen ihn für die Leitung einer Lehranstalt in höchstem Maße eignete; jeder in der Lehrerschaft auch blickte mit Achtung und Verehrung zu ihm empor. – Dann: Was war Robert Wünsche als Mitglied und Vorsteher des Kollegiums der Stadtverordneten unserer Bürgerschaft! Die „Obererzgebirgische Zeitung“ hat besonders auch dieses Wirken des Verblichenen zu Anfang der Woche bereits eingehend gewürdigt. Ueber ein Vierteljahrhundert war Wünsches Tätigkeit auf diesem Gebiet mitbestimmend für die Geschicke und Geschichte der Stadt Buchholz. Selten vermochte ein Vertreter unserer Bürgerschaft auf so langes, ununterbrochenes Schaffen im Dienste der Stadt an ehrenamtlicher Stelle zurückzuschauen. Rat und Stadtverordnete riefen es ihm in die Ewigkeit nach und priesen mit Recht den starken Gerechtigkeitssinn, die überall glättende Ausgleichstugend des Dahingegangenen, sein klares Urteil und seine reiche Erfahrung. Und so wird der Name Robert Wünsche auch mit der Chronik von Buchholz wie mit derjenigen der Schule dauernd verbunden bleiben.

Wie hell leuchten aber auch die Augen Wünsches, wie schlug sein Herz warm, wenn er in Sängerkreisen stand, wenn er dort nicht nur sang, sondern auch führte und begeisternd vom Ideal des deutschen Liedes sprach, von jenem Edelstein, den er selbst jahrzehntelang so treulich behütete. Wir erzählten schon davon, wie er 1903 an die Spitze des Obererzgebirgischen Sängerbundes trat, den er bis zum Frühjahr dieses Jahres so liedbegeistert und erfolgreich leitete. Wieviel Sängerfesten hat Robert Wünsche beigewohnt, zu wieviel Jubiläen der Vereine zog er, um dort immer wieder anzufeuern, um zu danken für Sängertreue. Ueber 3000 aktive Mitglieder des Bundes haben an seinem Ableben den allerherzlichsten, den bewegtesten Anteil genommen, haben an all die schönen Stunden gedacht, in denen Robert Wünsche unter ihnen weilte und ihnen zündende Worte von der Macht des Männergesanges zurief, und haben ihn noch einmal ins Jenseits hinüber für seine prächtige Führerschaft gedankt. Anläßlich des großen Sängerfestes des Obererzgebirgischen Bundes, das 1929 in Annaberg-Buchholz stattfand, widmete die Festschrift, die offiziell vom Bund damals herausgegeben wurde, Robert Wünsche folgende ehrenden Worte: „Er ist ein Mann voll zielbewußten Strebens, voll unermüdlicher Tatkraft, voll jugendlicher Begeisterung. Mit starker Hand nahm er das Steuer, „Aufwärts und vorwärts“ war sein Wahlspruch. Heute schreibe ich mit stolzer Genugtuung: „Ihm ist der große Wurf gelungen.“ Der Bund hat bis jetzt unter seiner besonnenen Leitung einen großartigen Aufschwung genommen. Hat sich doch von 1903 bis zur Feier des goldenen Jubiläums die Zahl der Vereine und Mitglieder fast verdoppelt. Ein äußerst günstiges Zeichen!“

Auch an dieser Stelle, an der im Mai 1930 erst beim Rücktritt Wünsches von der Bundesleitung seine Verdienste gefeiert wurden, sei heute im Angesicht seines lieben Bildes ihm noch einmal ein „Habe Dank“ für all das dargebracht, was er nicht nur den Sängern des Erzgebirges, was er nicht nur der Schule und der Stadt Buchholz war, sondern auch für das warme Menschentum, das von ihm ausstrahlte auf alle, die ihm nahetraten. Es soll das Wort Geltung behalten, das so oft mit ihm und unter ihm gesungen wurde: „Die alte Treu, gebirg’sche Art, bleibt immerdar auch Dir gewahrt.“

Am Freitag dieser Woche nun bettete man den teuren Toten zur letzten Ruhe auf dem Friedhof der Stadt Buchholz. Die ganze Summe von Liebe und Verehrung, die aus der Tätigkeit und dem Wesen des Verblichenen resultierte, zeigte sich auch hier wieder in erhebendster Form. Ein Trauerkondukt schier ohne Ende gab Robert Wünsche das Geleit dorthin, wo er in kühler Gruft nun ruhen wird von seinen Werken: In St. Katharinen hatten alle noch einmal zu Füßen des Toten seines Schaffens gedacht, hatten ihm Scheide- und Dankworte zurufen lassen, um darauf an der offenen Gruft die Fahnen zu senken und tiefbewegt von dannen zu gehen, von der Stätte, die Robert Wünsche zur letzten Ruhestatt geworden ist. Viele werden dort oft noch innehalten und des Mannes in Liebe gedenken, über den sich der Hügel hier wölbt.