Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 47. — Sonntag, den 16. November 1930, S. 4.

Wie in der Tageszeitung unseres Verlages bereits mitgeteilt, kann das Kirchschulgebäude in Neudorf auf ein 80jähriges Bestehen zurückblicken; ein Ereignis, aus dessen Anlaß Herr Oberlehrer Kantor Vogel eine schlichte Gedenkfeier während des Unterrichtes veranstaltete; abends fand Illumination des Hauses statt. Die Kirchschule ist in der Mitte des Dorfes, an der verkehrsreichen Crottendorfer Straße, gelegen, im Schatten des ehrwürdigen Kirchturmes. Manche Gebrechen machen sich an ihr bemerkbar. Trotzdem werden aber, da an einen Schulneubau nicht zu denken ist, noch viele Jahre Schulkinder hier ein- und ausgehen. Im Schulzimmer des Kantors stehen noch Bänke, auf denen die ältesten Einwohner Neudorfs gesessen haben. Man kann sich denken, daß diese Sitzgelegenheiten altersschwach geworden sind. Der schlechte Zustand des ersten Schulgebäudes und das Anwachsen der Kinderzahl machten den Bau der jetzigen Kirchschule 1850 nötig. Das erste Gebäude war 1629 für 153 Taler und 9 Pfennige erbaut worden, zur Zeit des Schulmeisters David Beyer (1624 bis 1640). Frühere Schulmeister dürften in Privatstuben unterrichtet haben. Die erste Schule stand am gleichen Ort wie die jetzige. Die Schulstube enthielt 18 Bänke, 36 Tintenfässer und ein Stehpult, dazu einen Lehnstuhl nebst Tisch und Ofen. 1850 gingen hier 153 Knaben in 3 Klassen, 187 Mädchen wurden im jetzigen Sattler Reißig-Haus unterrichtet. Im März des gleichen Jahres wurde der alte Schulbau niedergerissen und der Neubau alsbald begonnen. Am 11. Juli wurde das neue Schulgebäude gehoben. Dabei sang die Schuljugend Lieder, von dem Pfarrer wurde auf dem Dache eine Rede gehalten, Gottes Schutz zur Vollendung des Gebäudes erbeten und den beide Meistern Schiefer und Horn aus Annaberg der Dank für den schönen Bau ausgesprochen. Am 6. November wurde die neue Schule übernommen und eingeweiht. Das war ein wichtiger und feierlicher Tag für die ganze Gemeinde. Als Ehrengäste waren anwesend der Herr Ephorus Dr. Schumann aus Annaberg und Herr Justitiar Fiedler aus Oberwiesenthal. Ein Festzug, an welchem sich vor allem sämtliche Schulkinder unter Führung ihrer Lehrer Kantor Türke und Hartenstein beteiligten, bewegte sich unter Glockengeläute vom Bachmannschen Gasthofe aus nach der Kirche. Nach beendigtem Festgottesdienste, in welchem Herr Dr. Schumann die Festpredigt gehalten hatte, zog man in das neue Schulhaus, welches nach einer Rede des Ortspfarrers Dillner an die versammelten Kinder eingeweiht wurde. Der Anschlag für das Gebäude betrug 9000 Taler, dafür hatten die Meister Horn und Schiefer das Gebäude auszuführen übernommen.