Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 38 – Sonntag, den 14. September 1930, S. 1.
Es war ein jahrelanger begreiflicher und heißer Wunsch aller Erzgebirgler, endlich einmal auch jenes Riesenluftschiff Deutschlands über den Bergen und Tälern unserer Gebirgsheimat zu sehen, das durch seine Fahrten nach Amerika und seine Weltreise Weltenruhm erlangt hatte. Begeisterte hatten alle in Haus und Hütte beigesteuert, als von Friedrichshafen aus der Aufruf an das deutsche Volk erging, das Erbe des Grafen vom Bodensee, der einst gegen den Hohn und das Mißtrauen der Menschheit seine Lufteroberungspläne durchgesetzt hatte, dadurch ausbauen zu helfen, daß in Friedrichshafen ein Luftschiff geschaffen werden konnte, das in seinem ganzen Aufbau bahnbrechend dafür sein sollte, daß das Zeppelin-Luftschiff berufen sei, den transozeanischen Verkehr in die Tat umzusetzen, für den zahlreiche Piloten ihr Leben dahingegeben hatten. Auch im Erzgebirge fand jener Appell Dr. Eckeners ein lebhaftes Echo und freudig opferte man in felsenfestem Vertrauen auf das dann ja auch glänzend erfüllte Geschehen. Es kamen alsdann die Probefahrten, die Weltreisen und zahlreiche Deutschlandfahrten des „Graf Zeppelin“. Daß angesichts dessen der Erzgebirgler nun auch den Wunsch hatte, den stolzen Beherrscher der Lüfte einmal bei sich zu sehen, war natürlich. Und nun endlich kam das so sehnend erwartete Luftschiff aus Friedrichshafen, kam aber freilich so unangemeldet überraschend, daß gar mancher es nur recht flüchtig zu sehen bekam.

Sonntag war es! Jeder ging seinen besonderen Plänen und Gedanken nach, wie man sie eben an diesem freien Tag der Woche hegt, und niemand ahnte im Entferntesten, daß just um jene Stunde, in der man sich auf den üblichen sonntäglichen Schmaus einstellte, über unseren Köpfen Dinge vor sich gehen würden, die man nicht erwartet und erträumt hatte. Schon ging der Zeiger der Uhr stark auf 12 Uhr mittags, als über den Häuptern der Gebirgler ein gewaltiges Surren hörbar wurde, das man sich im ersten Augenblick nicht zu erklären wußte. Ein Flieger konnte es nicht sein; deren Motorengeräusche sind uns gut vertraut. Man reckte also die Hälse, blickte nach oben, um dann in heller Freude in den Ruf auszubrechen: „Graf Zeppelin!“ In unserer Gegend wurde das Luftschiff zuerst über den Erzgebirgswäldern von Rittersgrün gesichtet. Es erschien dann auch über Globenstein, Raschau, Grünstädtel und Schwarzenberg. Ueber Neuwelt nahm man Kursänderung vor und im großen Bogen überflog der „Graf Zeppelin“ Beierfeld, Grünhain, Wachleithe, Langenberg, Schwarzbach und Mittweida-Markersbach in Richtung Scheibenberg, überall in heller Freude begrüßt. Dann ging die Fahrt über Schlettau, Buchholz und Annaberg. In Richtung Geyersdorf, Mildenau, Mauersberg entzog sich das Luftschiff auf seinem weiteren Flug nach Marienberg den Blicken der Gebirgler. Allenthalben winkte man hinauf in die Lüfte, verfolgte bis in die letzte Phase hinein den leider allzuraschen Flug des Luftbezwingers und – . – knipste aus Häusern, von Straßen und Plätzen, wo man nur knipsen konnte. Eine große Anzahl solcher Bilder ging der „O. Z.“ zu, und all denen, die auch hier wieder der Heimatzeitung gedachten, danken wir herzlichst. Vier dieser Aufnahmen haben wir nun beistehend veröffentlicht; sie sind samt und sonders prächtig gelungen. Wir sehen auf denselben den Zeppelinflug über Schwarzenberg (beim Schloß), ferner das Ueberfliegen von Buchholz (mittleres Bild auf dem breiten Photo), Elterlein und Scheibenberg (rechts und links). Das Luftschiff war früh um 8,05 Uhr unter der Führung des Kapitäns Lehmann in Friedrichshafen aufgestiegen und traf kurz nach 15 Uhr in Breslau ein. Es landete auf dem Gandauer Flugplatz. Nach einem Passagierwechsel stieg das Luftschiff kurz vor 19.30 Uhr zur Heimfahrt wieder auf und wählte die Route über Gleiwitz nach Wien. Lange noch wird man von diesem Besuch im Reich der Lüfte auch bei uns im Erzgebirge sprechen und späteren Geschlechter werden auch die nebenstehenden Bilder Kunde davon geben, mit welcher Begeisterung auch das Erzgebirge die von aller Welt anerkannten Luftsiege Deutschlands verfolgte, die unser Vaterland inmitten seiner schwersten Zeit trotz aller Sklavenketten und sonstigen Not errungen und erkämpft hat.
