Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 37 – Sonntag, den 7. September 1930, S. 1 – 3.
Im modernen Autobus der Marienberger Kraftpost.
Die alte Zeit, in der der gelbe Schwager noch mit seiner Postkutsche durch Wald und Flur gefahren kam, in der des Posthorns Lied von Dorf zu Dorf erklang, ist in ihrer Romantik wieder erstanden durch die Fahrten der Kraftpost, die heute überall veranstaltet werden, um Reisegesellschaften mit den Schönheiten der engeren und weiteren Heimat bekannt zu machen. Wir haben an dieser Stelle schon einmal auf das große Programm der Kraftpost aufmerksam gemacht, die von Dresden aus tagelang Fahrten nach dem Rheinland, nach Thüringen, nach unserem Erzgebirge etc. unternimmt und freuen uns heute, auch einmal auf die Gesellschaftsfahrten unserer Heimatkraftpost aufmerksam machen zu können. So wie von Scheibenberg und anderen Orten aus wiederholt Gesellschaftsfahrten nach Böhmen etc. unternommen worden sind, ist in Marienberg Herr Postinspektor Tautenhahn eifrig am Werke, Kraftpostfahrten zu veranstalten, um allen – auch minderbemittelten Kreisen – Gelegenheit zu geben, in angenehmer Gesellschaftsfahrt Land und Leute der sächsischen und benachbarten böhmischen Heimat kennen zu lernen.

So veranstaltete er u. a. am 23. und 24. August zu wiederholtem Male eine Kraftpostfahrt nach dem goldenen Prag, der Stadt mit einer jahrtausendalten Geschichte, die auch uns Deutschen so viel zu erzählen weiß, von guten und bösen Tagen. Prag ist von jeher ja die stille Sehnsucht deutscher Wander- und Reiselust gewesen und so darf es nicht Wunder nehmen, daß die Gesellschaftsfahrt vollkommen ausverkauft war. Aus Annaberg, Buchholz, Cunersdorf, Ehrenfriedersdorf – kurz aus dem ganzen Erzgebirge, waren Teilnehmer zu dieser Fahrt ins Böhmerland nach Marienberg gekommen, um die unvergeßlichen Eindrücke solch einer schönen Postkraftfahrt aufzunehmen. Und in der Tat, es ist jeder Teilnehmer voll befriedigt und reich an Erlebnissen in die Heimat zurückgekehrt. In Wort und Bild wollen wir die Leser unserer Zeitung im Geiste heute einmal teilnehmen lassen an dieser Fahrt, durch schönes sächsisch-böhmisches Land, wollen ihnen zeigen und erzählen von all den Reichtümern des goldenen Prag, der Moldaustadt mit den zahlreichen Brücken und Burgen, den unzähligen Wahrzeichen altehrwürdiger Zeiten. Marienberg, der Ausgangspunkt unserer Reise, umschloß uns mit seiner alten hohen Stadtmauer noch geheimnisvoll den Ausblick in das ferne Land jenseits der Grenze, als sich die Teilnehmer zur Mittagsstunde des 23. August pünktlich am Rathaus versammelt hatten. Aber schon jagten an den Ausgucken der romantischen Stadttore die ersten sonnenbelichteten Wölkchen vorüber, ein Lichtblick der Hoffnung für uns alle, die wir uns auf frohe Sonntags- also Sonnentagsfahrten begeben wollten. Und so erfüllte sich denn auch unsere Hoffnung. Noch während der Fahrt durch den weiten grünen Grenzwald bei Reitzenhain gingen die letzten Regenschauer nieder, um uns dann das weite Sehfeld über die große Ebene von Komotau nach Prag zu öffnen. Von den Höhen bei Sebastiansberg aus schauten wir tief hinein ins Böhmerland und fuhren mit unserem modernen Postauto wohl auf den Spuren der alten Reisepostkutsche, die zu Großvaters Zeiten hier auf der alten Heerstraße gemächlich schaukelte, wenn man auf großer Reise war von Norddeutschland über Leipzig, Marienberg gen Prag. Tatü-Tata – klang das nicht wie das Liedchen des alten Postillons und wurden wir nicht ebenso durcheinander geschüttelt und gerüttelt wie Großvater und Großmütterchen, die in der alten Postkutsche durchs Land fuhren? Richtig, – da kamen auch schon der erste Regenschirm und das Vesperpäckchen aus dem Gepäcknetz geflogen – es war wie zur guten alten Zeit – als wir durch die zahlreichen Schlaglöcher der alten Handelsstraße in flotter Talfahrt gen Komotau eilten. Vergnügt blinzelte schon aus dem Tal der Alaunsee herauf, der – wer hätte das früher gedacht – sich heute als Alaunsee-Strandbad Komotau mit einer Massengarderobe für 5000 Personen, als einziges natürliches alaunhaltiges Gewässer von ganz Europa in seinem kristallklaren Wasser aller Welt anpreist. Ganz deutlich sah man jetzt die ca. 500 Badekabinen, die Ruderboote usw. Doch heute nicht – ein anderes Mal wollen wir dich gern besuchen – heute geht’s weiter in rascher Fahrt, durch Komotau hindurch und auf der weiten böhmischen Tiefebene weiter gen Postelberg, dem ersten Etappenziel unserer Reise nach Prag. Die Straße ist umsäumt von endlosen Reihen der Obstbäume, die mit ihren roten Apfelaugen oft neugierig zu den Fenstern unserer großen, ungeheuren Postkutsche hereinschauen. Was gab es da auch alles zu sehen, lauter fröhliche, lachende Gesichter. Margot und Lottchen vom Marienberger Postamt saßen ja auch da drinnen in der modernen Postkutsche. Aber ganz anders schauten sie aus, wie anno dazumal das Großmütterchen, das hier des Weges fuhr. Wie lustig sie mit den Beinchen schaukelten, hier gab es freilich mehr und Schöneres zu sehen, als in der alten Postkutsche vor 100 Jahren. Aber siehst du – warum bist du auch so neugierig, du alter Apfelbaum! Schon hat dich das Oberdeck unseres Wagens erwischt und zaust dir unsanft durch das Geäst, daß du polternd für deine Neugier zahlreiche Früchte als Tribut fallen lassen mußt. Ruck – fast wäre Lottchen jetzt von ihrem weichen Polstersitz gefallen – der Wagen stoppte plötzlich zu ganz langsamem Tempo und „Gack, gack, gack“ flatterte eine alte Gans über den weg, die dem großen Postauto mit breitem Flügelschlag den Weg verstellen wollte, aber es im letzten Augenblick doch noch mit der Angst zu tun bekam. „Tatü-Tata“, wie dieses Ungeheuer von Kraftpostkutsche auch schrecklich fauchen kann! Weiter fährt der Wagen, aber kurz darauf bleibt er wirklich stehen, rührt sich nicht mehr von der Stelle. Postelberg – Kaffeepause! Das ist schön so, wir wollten schon längst einmal frische Luft schnappen, die Glieder strecken und dehnen, und Kaffee trinken. Kaffee, nicht aus Tassen und Täßchen wie bei uns in Sachsen, nein, Kaffee aus großen „böhmischen Tippeln“, wie man sie auf dem Weiperter Markt zu kaufen bekommt. Tassen mit schönen Blumen und bunten Bildern bemalt. Wir sind in Böhmen, das merken wir, merkens am Kaffee, an dem dicken Kuchen und eben – last not least – auch an den bömischen „Tippeln“. Bald sitzen wir wieder im Autobus. Die Fahrt geht weiter. An der Straße liegen die zahlreichen Hopfenfelder. Meterhoch stehen die Pflanzen wie im Urwald dicht beieinander. Die Erntearbeiter, Burschen und Mädels in bunter Tracht, laufen wie ein kleines Zwergvolk in den schattigen Hopfenreihen herum. In dunstiger Ferne heben sich Bergkegel vom Himmel ab. Drüben fließt das Silberband der Elbe. Ihr Anblick bleibt uns aber wohlverborgen. Spitzen und Kegel des böhmischen Mittelgebirges sind ihre Hüter und Wächter. So passieren wir Laun und die 10.000 Einwohner zählende Bezirksstadt Schlan. Der Abend sinkt mit blau-violetten Dämmerschein über das Land. Die große Ebene vor Prag scheint schlafen zu gehen. Müde ziehen die Herden vom Felde heim – aber dort, sieh dort im Tal, da blinkt und leuchtet es wie ein Märchen von Tausendundeine Nacht auf. Prag – wie aus einem Mund kommt der Ruf. – Das Ziel unserer Fahrt, mit Türmen und Kuppeln, schmucken Häusern und tausend Lichtern grüßt es uns. Nun nimmt es uns auf in sein Weichbild, grüßt uns als seine frohen Gäste aus deutschem Land.





Auf den ersten Blick gewinnen wir sie lieb, diese lichterfrohe Stadt, hinter deren Toren und Türen manch süßes Geheimnis schlummert. Im „Monopol“- und im „Palast“-Hotel nehmen die Fahrtteilnehmer Quartier und treffen sich bald darauf im „Deutschen Haus“ zur Einnahme des Abendbrotes, das nach so langer Fahrt und bei dem trefflichen Pilsner Bier köstlich mundet. Bald aber packt uns die Neugier. Prag bei Nacht – wie es lockt mit den seltsamen Lichtern; rot und grün, in allen Farben, grüßt die Lichtreklame einer modernen großen Stadt, deren Bild sich in Reflexen der breiten Moldau widerspiegelt. Autos und Droschken fahren dahin, an den Knotenpunkten der Stadt staut sich der Verkehr. Prag lebt auch bei Nacht, die Räder werden nicht müde, sich zu drehen, Menschen eilen geschäftig durch die Straßen. Die schöne Tschechin im pelzverbrämten Mantel aber liebt den Flirt. So ist Betrieb und Leben in den zahlreichen Tanzlokalen, da, wo sich Kavaliere und Offiziere mit ihren Damen treffen. Wir haben einige alte Bäuerlein aus dem Erzgebirge bei uns, die noch nicht viel in der Welt herumgekommen sind. Wie sie staunen und gucken, wenn tausend süße Beinchen über das blanke Parkett sich drehen, immerfort, unermüdlich. Jugend, Leben. Aber morgen ist ein anstrengender Tag für uns, wir wollen viel sehen. Das erfordert von uns zuvor doch einige Stunden Ruhe und so liegen wir auch kurz nach Mitternacht in den Federn und träumen aus der lichterfrohen Stadt der Nacht hinein in einem goldenen Sonntagmorgen, der über den Türmen und Kuppeln von Prag heraufzieht. Nach dem Morgenimbiß beginnt um ½9 Uhr die Rundfahrt durch die Stadt. Ein stadtkundiger Führer steigt hier zu uns und erklärt während der Fahrt die einzelnen Sehenswürdigkeiten. Als die alte ehrwürdige Rathausuhr mit dumpfen Schlägen um 9 Uhr ausholt, stehen wir mit zahlreichen Fremden auf dem großen Platz und sehen empor zu der Uhr, an der die zwölf Apostel vorüberziehen. Der Tod läutet das Glöcklein, bis der Hahn mit seinem Krähen das seltsame Schauspiel der historischen Rathausuhr beschließt. Am Grab des unbekannten Soldaten bewundern wir die Kranzspende der zufällig heute in Prag anwesenden jugoslawischen Offiziere. Wir besuchen den jüdischen Friedhof, die alte Synagoge und fahren dann über die Nepomuck-Brücke, deren zahlreiche geschichtliche Monumente kurz erklärt werden, hinauf zur Prager Burg, zum Hradschin, der mit seinem wundervollen Dom und den prächtigen Staatsgebäuden, den reichen Sammlungen an Kunstwerten den Hauptanziehungspunkt der schönen Moldaustadt bildet. Prag hat hier auf waldiger Höhe auch eine Nachbildung des Pariser Eifelturmes errichtet. Wir fahren mit dem Fahrstuhl hinauf und genießen von hier einen prächtigen Rundblick über die ganze Stadt und das weite böhmische Land, dann gehts zur Besichtigung der St. Veit-Kathedrale, zum Besuch der Alchimistenhäuser usw. usw. Es ist hier nicht Raum genug, die Schönheiten zu würdigen, die man bei der Fahrt durch die Stadt zu sehen bekommt. Man ist tief ergriffen von den Wahrzeichen ruhmreicher Geschichte dieser alten Moldaustadt, die so viele Schicksale über sich hat ergehen lassen und doch mit ungeschmälertem Glanz und Reichtum sich stolz im alten Böhmerland erhebt, gleich einer Königin, deren Kronen und gülden Geschmeid unverletzt blieb in Kriegs- und Schicksalsstürmen. Am Nachmittag beschließen wir mit einer Rundfahrt im „Fiakerl“ unsere Besichtigung der Stadt. Unser stolzer Wagenlenker erklärt eifrig und zeigt uns das „Künstlereimuseum“, die „Doktorfakultät“ usw. Mit Humor und manchem Witz erraten wir den Sinn der einzelnen Sehenswürdigkeiten. Am Wilson-Bahnhof marschiert Militär zum Abschied der jugoslawischen Offiziere auf, ein Leben und Treiben umgibt uns und wir spüren den Atem einer aufblühenden großen Stadt, die trotz ihres Alters ewig jung und schön bleibt. Mit abschiedswehem Herzen verlassen wir schließlich das goldene Prag und fahren im Glanz der Abendsonne mit unserem Postauto wieder hinaus in das Böhmerland, heimwärts – der Grenze zu.

Bald nimmt uns die Nacht mit schwarzen Fittichen in stiller Einsamkeit der weiten Ebene auf. In unserem Autobus aber weben die Schleier süßer Erinnerung beim Erzählen all des Erlebten, und eine seltsam schöne Feierabendstimmung liegt über dem Ausklang unserer Reise. In erzgebirgischen Liedern, die wir fröhlich anstimmen, findet sie ihren Ausdruck und wir sind im Autobus beisammen, just wie in echter erzgebirgischer Hutzenstube. Was kümmert uns da draußen die Nacht. Am Steuer sitzt ein erfahrener, verantwortungsvoller Führer. Jeder weiß das und gibt sich zwanglos der allgemeinen Fröhlichkeit hin. In Komotau wird das Abendbrot eingenommen und schnell, allzu schnell, ist das Ende der Fahrt erreicht: Marienberg! Da wären wir wieder. „Ach, war das schön!“, so seufzen Margot und Lottchen, und sie hatten wirklich recht. Wir waren alle begeistert von der Fahrt, dankten der Fahrtleitung herzlich für die Mühewaltung und beglückwünschten Herrn Postinspektor Tautenhahn und uns gegenseitig selbst zu der wohlgelungenen und unvergeßlichen Fahrt nach dem goldenen Prag! – Eine süße Erinnerung klingt noch heute in unserer Seele nach. Das ist das Lied froher Wander- und Reiselust, das gar mächtig in uns braust. Die bunten Bilder des Geschauten ziehen im Geiste noch einmal an uns vorüber, just wie hier auf dem reichillustrierten Bilderbogen unserer „E. H.“. Dabei fühlen wir wohl auch etwas von dem Pulsschlag, der von Volk zu Volk geht, Heimat und Fremde bindend, die hier an sudetendeutscher Grenze ja auf ewig eng beisammen bleiben.
S. Sdl.