(Nach den Aufzeichnungen des Wiesaer Lehrers Gottfried Seifert aus dem Jahre 1807.)
Von Dr. M – r.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 33 – Sonntag, den 10. August 1930, S. 2.
In der Nähe Annabergs, im lieblichen Tal der Zschopau, liegt das schmucke Dorf Wiesa. Es hat höchstwahrscheinlich seinen Namen nach den Wiesen erhalten, die sich im Zschopautal üppig ausbreiten. Früher nannte man es Wiese und brachte dadurch ganz deutlich den Ursprung seines Namens zum Ausdruck. Dieses Namens sollen sich „besonders die ersten Einwohner zu Geyersdorf, eigentlich Häuersdorf, eines der ältesten Dörfer hiesiger Gegend, – – – bedient haben, wenn sie einer Legende zu Folge um der wilden Thiere willen den Kirchweg nach Geyer öfters über die hiesigen Wiesen gewählt haben.“
Seine Entstehung hat Wiesa vermutlich dem Bergbau zu verdanken, „welches die umher liegenden häufigen Berghalden und verfallenen Zechen so wie auch die vielen Pochgraben und Stellen, wo Pochwerke gestanden, beweisen. So soll z. B. die hiesige herrschaftliche Mühle eine Schmelzhütte gewesen seyn, welche derselben nicht unähnlich sieht, und ein Fußsteig vom Dorf hinaus nach dem Plattenwald heißt bis jetzt noch der Häuersteig, weil er ehedem von vielen Berghäuern, die in diesem Wald auf dem Gebäude, großer Riß genannt, angefahren (sind), begangen worden (ist).“
Die Zeit der Entstehung Wiesas ist nicht bekannt. Eins aber steht fest, daß Wiesa älter als Annaberg ist. Sicheren Nachrichten zufolge gelangte nämlich bereits 1478 Wiesa in den Besitz eines Nicol Friedrich, der einem Nürnberger Geschlecht entstammte. Also muß Wiesa schon vor diesem Jahr bestanden haben. Diesen Ruhm, wenn es ein solcher ist, älter als Annaberg, die Hauptstadt des Obererzgebirges, zu sein, teilt es noch mit vielen anderen Dörfern, z. B. Geyersdorf, Frohnau, Sehma, Cranzahl usw.
Ueber die Wiesaer Lehrer bis zum Jahre 1807.
Es ist ein gar köstlicher Beruf, Schulmeister zu sein. Nur muß man ihn recht verstehen, ihn so auszufüllen wissen, wie es der große Pestalozzi in seinen vorbildlichen Werken gezeigt hat. Ich bin zwar kein Schulmeister, aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Geist und Seele des Kindes zu bilden, es tüchtig und geschickt zu machen für den Lebenskampf, für den Dienst an seinem Volke und Vaterland. Wie schwer hatten es doch die Lehrer in früheren Zeiten! Kümmerlich mußten sie sich durchs Leben schlagen. Schmalhans Küchenmeister war bei ihnen zu Hause. Wie gering schätzte man oft ihre bedeutungsvolle Tätigkeit ein und bespöttelte sie nur allzugerne. Aber sie ließen sich’s nicht verdrießen und halfen in stiller Entsagung die Geschlechter vorbereiten, die die Wunden, die der unselige dreißigjährige Krieg dem deutschen Volke zugefügt hatte, wieder heilten, die eine Zeit höchster Geistes- und Seelenentfaltung heraufführten, bezeichnet durch Männer, wie Goethe, Schiller und Humboldt, die das Napoleonische Joch abschüttelten und später das einige deutsche Reich schufen.
Auch die Schulmeister des Ortes Wiesa, so will ich’s meinen, haben sich treu und redlich um die Ertüchtigung der Jugend, um ein beliebtes Schlagwort zu gebrauchen, bemüht. Der Kreis ihres Wirkens war zwar nur eng und bescheiden. Darauf kommt’s aber nicht an. Auch im kleinen Kreis kann man guten Samen ausstreuen und gute Frucht ernten, kann man wertvolle Arbeit leisten für die große Volksgemeinschaft. Vor über 100 Jahren lebte in Wiesa der Schullehrer Gottfried Seifert. Der hat 1807 ein fleißiges Büchlein geschrieben und darin allerlei Nachrichten über Wiesa aufgezeichnet. Einen Abschnitt hat er auch den „Schulbedienten“, wie er die Lehrer nennt, gewidmet. Wir sind es den alten Schulmeistern wahrlich schuldig, daß man sie dem Dunkel der Vergessenheit entreißt. Mag nun unser Gottfried Seifert selbst das Wort führen:
„diese (nämlich die Lehrer) werden von der hiesigen Gerichtsherrschaft vociert (berufen) und sind, soviel deren aufzufinden gewesen, folgende:
Herr Müller, dessen 1586 in den hiesigen Kirchenbüchern erwähnt wird, starb 1613 an der Pest, die damals hier grassiert.
Herr Hans Zeidler hat gegen 19 Jahre das Schulamt verwaltet.
Herr Michael Hauswald ist von 1632 bis 1664 hier Schulmeister gewesen, starb in einem Alter von 84 Jahren und einigen Wochen.
Herr Michael Hauswald, ein Sohn des vorigen, war Nachfolger und 20 Jahre an dieser Stelle, starb den 4ten Jan. 1684 im Alter von 42 Jahren, 37 Wochen und 5 Tagen.
Herr Christoph Brunnschütz, ist 31 Jahre im Schulamt allhier und hiernächst 25 Jahre Bergmeister beim wohllöbl. Bergamt zu Neundorf gewesen (starb 1715, 68 Jahre alt).
Herr Johann Samuel Weigand, von Oberschönau, wurde zum Schul- und Organistendienst allhier 1715 vociert und starb 1770 –, als er einige Monate über 55 Jahre das Schulamt verwaltet und sein Alter auf 76 Jahre und 14 Tage gebracht hatte.“
Sein Nachfolger war unser Gottfried Seifert. Aus dürftigen Verhältnissen stammend, gelang es ihm doch unter viel Entbehrung, sich die für den Lehrerberuf notwendige Bildung anzueignen, um schließlich die Lehrerstelle in Wiesa zu erhalten. Glänzend wird diese gerade nicht gewesen sein. Aber sie gewährte doch wenigstens ein Einkommen, daß er nicht zu hungern brauchte, denn Hunger hatte Seifert in seiner Jugend zur Genüge kennen gelernt. Waren doch seine armen Eltern nicht imstande, ihn während seiner Ausbildung zu unterstützen. Wie oft mag er kaum trocken Brot zu essen gehabt haben. Darüber verliert er aber keine Worte, klagt mit keiner Silbe. Ganz sachlich und schlicht, ohne jede gefühlsmäßige Aufmachung, erzählt er uns seinen schweren, von Not und Sorge begleiteten Werdegang. Wie sehr wird heute aber nicht gejammert und gestöhnt, oft ohne rechten Grund! Und wie unzufrieden ist man auch heute. Von diesem Mann aber hören wir nichts dergleichen. Lassen wir ihn nun selbst zu Worte kommen:
„Gottfried Seifert, von Oberwiesa bei Chemnitz, legte in dahiger Schule den Grund in den ersten Kenntnissen, gieng aus Neigung zu den Wissenschaften im Alter von 12 Jahren 1764 ohne Unterstützung von Seiten armer, jedoch rechtschaffener Aeltern nach Chemnitz, wurde vom damaligen Rektor, Herrn M. Johann Georg Haager, und Conrektor, Herrn M. Johann Friedrich Jünger, in die 2 te Klasse dahigen Lyceums und ins Singchor aufgenommen, trat nach gegen 6 Jahre frequentirter (besuchter) Schule daselbst, als derselbe wegen Dürftigkeit die Studien nicht weiter fortzusetzen vermochte, 1769 die Katechetenstelle in Lichtenwalde an, dazu er von Ihro Exzellenz, der verwittweten Frau Gräfin von Watzdorf, unter mehreren Comzetenten (Bewerbern) gewählt wurde, erhielt von eben dieser hohen Patronin den 29. Juli 1770 die Vocation (Berufung) ins Schulamt hierher nach Wiesa und wurde nach abgelegter Probe am 7. Trinitatissonntag, den 10. August, erwähnten Jahres confirmirt (bestätigt). Im Jahr 1783 wurde derselbe als Mitglied zur Verwaltung der wohllöbl. Schulwittwenkasse Annabergischer Teßaktion gezogen und solchem 1792 die Präfektur (Aufsicht) darüber anvertraut.“
Hiermit schließt der kurze Bericht über seinen Lebenslauf, der leider keinen näheren Einblick in seine persönlichen Verhältnisse gibt, ein Beweis für die bescheidene Zurückhaltung dieses Mannes. Wie es ihm weiter ergangen ist, wann er gestorben ist, ist mir nicht bekannt. Vielleicht werden aber Wiesaer Leser angeregt, sein Leben genauer zu erforschen.