Von Dr. M – r.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 30. – Sonntag, den 20. Juli 1930, S. 2.
Wer von uns kennt nicht Bärenstein, den am Fuße des gleichnamigen Berges malerisch gelegenen Grenzort? Nur ein schmaler Fluß trennt Bärenstein von der hart anstoßenden böhmischen Stadt Weipert. Kaum hat man sich’s versehen, so steht man schon auf ausländischem Boden. Wohl bei jedem ruft dieser überraschend schnelle Uebergang von einem Staate zum andern ein eigenartiges Gefühl hervor. Auch bei der Damenwelt, freilich nur nebenbei. Ist doch ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf das Café Weiß in Weipert gerichtet. Leider muß ich’s mir versagen, dieses im wahren Sinne des Wortes „süße“ Thema weiter auszumalen, wohl zum Bedauern so mancher Leserinnen. Meine weniger süße Aufgabe ist es nämlich, aus der noch heute äußerst wertvollen Annaberger Chronik Adam Daniel Richters (Zweiter Teil, erschienen 1748) die Beschreibung Bärensteins mitzuteilen.
„Bärenstein“, so beginnt Richter, „ist weder eine Stadt, weil es keine Bürger, noch ein Dorf, weil es keine Bauern hat, sondern der Ort bestehet aus lauter Zinß-Häusgen (Zinshäuschen).“ Es seien nämlich „die Leute in der Böhmischen Reformation hieher als Exulanten (Flüchtlinge) gewichen, denen man kleine Räumgen (Räumchen) zur Baustatt angewiesen und jedem ein klein Graß-Stückgen auf jährlichen Zinß hierzu eingeräumt, daß sie ein Stückgen Vieh sommern und wintern können.“ Es wird weiter berichtet, daß „noch anjetzo solcher Häußgen wohl noch nicht 100 an der Zahl“ seien.
„Vorhero war ein Adelich Guth hier“, fährt Richter fort, „das jetzo E. E. Rath in Annaberg gehöret, welches derselbe von dessen letzten Besitzer, Erasmus Mittelbachen, gekaufft. Die Einwohner sind des Raths in Annaberg Unterthanen.“
Nun kommt Richter auf die kirchlichen Verhältnisse zu sprechen. Im Jahre 1655 sei in Bärenstein „ein Kirchlein – – in 1 viertel Jahr erbauet und d. 4. Nov. Desselben Jahres 1655 von L. George Seydeln, Superintendenten auf St. Annaberg, eingeweyhet und vom Rath zu Annaberg mit 200 fl. (Gulden) dotiret (bedacht) worden.“ Ferner habe der Rat zu Annaberg „zur Kirche, Pfarre und Schule das Holtz aus ihrem (soll wohl heißen: seinem) Walde geschencket“, worauf „eine Pfarre angerichtet worden“ sei. Man habe „anno (im Jahre) 1657 Niederschlag und anno 1658 Stahlberg, das vorher nach Cranzahl gieng, dahin (d. h. nach Bärenstein) eingepfarrt. – – Auch ist das Churfürstl. Zoll-Hauß am Bärenstein etc. dahin eingepfarret.“ Nebenher bemerkt Richter, daß Niederschlag und Stahlberg „auch von den Exulanten aus Böhmen angebauet worden, welchen gewisse Stockräume auszuwurtzeln von hoher Landes-Obrigkeit angewiesen waren.“