Mit dem Buchholzer Jungmännerverein nach Leipzig.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 29 – Sonntag, den 13. Juli 1930, S. 2 – 3.

Am 21. / 22. Juni.

Welch eine Freude, einmal mit seinen Vereinsbrüdern zusammenzusein, um mit ihnen auf froher Fahrt die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten fremder Natur zu betrachten. Hatten wir schon im vergangenen Jahre Gelegenheit gehabt, Dresden und die herrliche Sächsische Schweiz kennen zu lernen, so war es uns auch in diesem Jahre vergönnt, eine Fahrt nach Leipzig zu unternehmen, wo uns so viele köstliche Stunden bereitet wurden.

Am Sonnabend, gegen ½12 Uhr traten wir unsere Reise an. Bei angenehmer Unterhaltung und bei fröhlichem Gesang von Wanderliedern schien uns die Zeit sehr kurz, und ehe es wir uns versahen, stand unser Zug auf dem Bahnhof von Chemnitz. Dort erreichten wir einen beschleunigten Zug nach Leipzig, der uns durch das Bornaer Kohlengebiet gegen ½4 Uhr dorthin brachte.

Hier wurde zunächst das Bahnhofsgebäude gründlich besichtigt. Der wuchtige Bau und seine ungeheure Größe versetzte manchen von uns in großes Staunen, zumal viele einen derartigen Großstadt-Bahnhof noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Ebenso machte der starke Verkehr in diesem auf manche einen besonders großen Eindruck.

Nach 20 Minuten etwa verließen wir das Bahnhofsgebäude wieder und befanden uns bald mitten im Getriebe der Großstadt, an das wir Erzgebirgler natürlich uns erst allmählich gewöhnen mußten. Wir besichtigten dann eines der größten Warenhäuser von Leipzig, das Kaufhaus Brühl. Dort hatten wir das seltene Vergnügen, die Rolltreppe bis zum 5. Stockwerk zu benützen. Wir wurden in den einzelnen Abteilungen von Herrn Pfarrer Richter herumgeführt, bis wir gegen 5 Uhr das Kaufhaus wieder verließen.

Der nächste Punkt unseres „Programmes“ war das Hauptfeuerwehrdepot in Leipzig. Glücklicherweise wurden wir auch dort sogleich eingelassen und von einem Führer durch die verschiedenen Abteilungen, wie Spritzenhaus, Hilfswehrhaus, durch die eigene Reparaturwerkstätte der Feuerwehr, durch ihre eigene Tischlerei und Schlosserei, durch den Telegraphenraum, den Schlafsaal und Aufenthaltsraum der Feuerwehrleute usw. geführt. Die Erklärung, die uns der liebenswürdige Führer dort gab, war außerordentlich interessant anzuhören. Er zeigte uns das Innere der verschiedenen Wagen, wie zum Beispiel der Sanitätswagen, der Unfallhilfswagen, der Motorspritzen usw., und gab uns einen recht guten Einblick in das Feuerwehrwesen der Großstadt. In einem der Telegraphenräume führte uns der Angestellte sogar den Vorgang und die Benutzung der „Feuermelder“ vor, was wiederum großes Interesse bei uns erregte.

Gegen 6 Uhr abends mußten wir das Depot wieder verlassen. Der Besuch desselben hat sicher jedem Interesse und Belehrung zuteil werden lassen.

Weiter führte uns der Weg durch die Petersstraße, am Untergrundmeßhaus vorbei, durch die Grimmaische Straße zur Universität. Die riesige Wandelhalle dort mit ihren kunstvollen Figuren und Standbildern bot uns beim Eintritt einen gewaltigen Eindruck. Der Herr Pfarrer führte uns in einen der größten Hörsäle, in denen die Professoren der Universität gewöhnlich ihre Vorlesungen über vorher bekanntgegebene Themen abzuhalten pflegen. Beabsichtigt nämlich ein Professor eine Vorlesung zu halten, so hat er dies durch Anschlag in einem der sich in der Vorhalle befindenden Kästen bekanntzugeben. Die Vorträge sind entweder theologischer, juristischer oder philologischer Art.

Beim Verlassen der Universität sahen wir auf dem Augustusplatz, dem größten öffentlichen Platz Leipzigs, die beiden Hochhäuser mit 14 Stockwerken, das Europahaus und das Krochhaus. Wir überschritten den Augustusplatz und warfen schließlich noch einen Blick in das Innere des Reichsgerichts. Von dem Bau eines öffentlichen Gebäudes in so wuchtigem Ausmaße mochte sich mancher von uns Erzgebirglern bis dahin noch keinen Begriff gemacht haben, wie es eben das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig verriet.

Von dort ging es nun zurück zum Hauptbahnhof, um die übrigen Vereinsbrüder, die erst am Nachmittag von Buchholz weggefahren waren, zu empfangen. – Sodann marschierte man im Gleichschritt und in Viererreihen gemeinsam zur Jugendherberge, die etwa ½ Stunde vom Bahnhof entfernt lag. Bald war auch die langersehnte Ruhestätte erreicht, und nach einem gemeinsamen Abendbrot konnte man sich der wohlverdienten Ruhe erfreuen. Einer unserer drei Führer las zuvor noch eine kurze Geistergeschichte vor und hielt zum Schluß noch eine kleine Andacht, bis nach einem allgemeinen Abendgebet die Nachtruhe eintrat. Aber bereits nach zehn Minuten wurde diese unterbrochen. Ein weithörbares, starkes Motorengeräusch hatte uns, die wir schon schliefen, munter gemacht, bis dasselbe immer stärker und stärker wurde und schließlich über unserer Herberge zu sein schien. Alle sprangen wie auf Befehl aus den Betten, und der Schlafsaal war binnen einer Sekunde in ein Ameisennest verwandelt. Sämtliche Fenster wurden aufgerissen, und man sah zu seinem Erstaunen das riesige Luftschiff „Graf Zeppelin“ am Horizont dahinschleichen, ein seltener Anblick, der jedem, der das Luftschiff gesehen hat, unvergeßlich bleiben wird.

Bereits nach wenigen Minuten war jedoch nicht das leiseste Geräusch mehr wahrzunehmen und bald war auch im Schlafsaal wieder vollkommene Ruhe eingetreten.

Bereits am nächsten Morgen gegen 6 Uhr war der größte Teil wieder munter, bis gegen ½7 Uhr die anderen „Langschläfer“ folgten. Nachdem man sich am Waschraum der nötigen Reinigung unterzogen hatte, konnte das Kaffeetrinken beginnen. – Um 8 Uhr war alles schon zum Aufbruch gerüstet und beim Gesang unseres Liedes „Es rauscht durch deutsche Wälder“ zogen wir, frisch und munter, wieder aus.

Es war unsere Absicht, zunächst Leipzigs gegenwärtige Ausstellung, die IPA. zu besuchen. Auf verbilligte Eintrittskarte war jedem Gelegenheit gegeben, ich dieses prachtvolle Ausstellungswerk anzusehen.

Die prächtige Pelztierfarm, die mannigfache Ausstellung von ausgestopften Tieren, die mehrere Säle umfassende Sammlung von Pelzarten und Jagdbildern waren außerordentlich interessant und sehenswert. Dem Vergnügungspark statteten wir ebenfalls einen Besuch ab und fuhren zusammen auf der Gebirgsbahn.

Um 12 Uhr nahmen wir unser Mittagessen im „Königin-Luisen-Haus“ ein, das wir uns natürlich sehr gut schmecken ließen. Leider reichten die Flaschen Wasser nicht aus, um unseren andauernden Durst vollkommen zu löschen.

Gegen 2 Uhr brachen wir wieder dort auf und planten, das Völkerschlachtdenkmal, das uns am Sonnabend und Sonntag Vormittag schon oft aus der Ferne gegrüßt hatte, zu besichtigen.

Wie Mücken kamen wir uns diesem kolossalen Bau gegenüber vor, als wir uns auf der Treppe des Denkmals befanden. Noch nie war einem von uns, der Leipzig noch nicht gekannt hatte, ein solches Riesenwunder vor Augen getreten. Nur schade ist es, daß uns der Zutritt ins Innere nicht möglich war, da uns der Geldvorrat bald verlassen wollte und der Eintritt ziemlich teuer war. – Um uns wenigstens ein Andenken von dieser Sehenswürdigkeit mit nach Hause zu nehmen, ließen wir uns vom Denkmalsphotograph abnehmen.

Nach einer halben Stunde fuhren wir endlich zum ersten Male mit der Straßenbahn, um uns den Leipziger Zoo, der augenblicklich der größte von ganz Deutschland ist, anzusehen. Nach 20 Minuten war dieser auch erreicht und wir hatten endlich Gelegenheit, uns einmal die Schönheiten oder auch Nichtschönheiten der Tierwelt anzusehen. Tiere aus allen Erdteilen waren dort zu sehen. Es machte uns Spaß, verschiedenen Bestien Futter zuzuwerfen und zu beobachten, mit welcher Gier und, wie es besonders bei den Elefanten der Fall war, mit welcher Geschicklichkeit sie dasselbe auffingen. Sehenswert waren besonders das Aquarium und Terrarium, der Vogelpark, das Löwenhaus, die Bärenburg und der Garten mit den Geweihtieren. – Der Besuch des Zoo war also außerordentlich lohnend. Besonders wird uns die Raubtierfütterung, der mit voller Spannung zugesehen wurde, unvergeßlich sein.

Nach einem kühlen Trunk im Zoogarten rüsteten wir uns gegen 6 Uhr abends wieder zur Heimfahrt. – Um 7 Uhr verließ unser Zug den Leipziger Hauptbahnhof und brachte uns um 9 Uhr nach Chemnitz. Zu unserem Nachteil mußten wir dort reichlich 1½ Stunde auf den Zug nach Buchholz warten, verbrachten aber die Zeit mit Unterhaltung und Studieren der eben ausgehängten Wahlresultate verhältnismäßig kurz. Einige gespendete Flaschen Milch gaben uns wieder genug Erfrischung und Kraft.

¾11 Uhr endlich verließen wir auch Chemnitz, um die letzte Etappe unsrer Reise zu erledigen, die wir hauptsächlich mit Schlafen verbrachten. – Beim Gesang des Liedes „O Erzgebirg, o du mein Heimatland“ zogen wir nach Mitternacht wieder in unsere Heimatstadt Buchholz ein, froh, viel Schönes und Seltenes erlebt zu haben. Stets wird uns diese Fahrt nach Leipzig in dankbarer Erinnerung bleiben; kostete doch auch jedem von uns die Reise nur 3,50 M. Durch freundliche Spenden und den Ertrag unserer Weihnachtsaufführung war es so billig für uns.