Nach den „Luther-Predigten“ des Joachimsthaler Stadtpfarrers Mag. Johannes Mathesius
von W. L.
Illustrierte Wochenbeilage der „Obererzgebirgischen Zeitung“ Nr. 26. — Sonntag, den 22. Juni 1930, S. 1 – 2.
„… weil viel Leut, so heut leben, nicht wissen, wie es vor fünfzig Jahren in der unterdrückten und gefangenen Kirchen gestanden und mancher Undankbarer dieses großen Mannes1 und seines getreuen Fleiß und Arbeit schier vergessen will, hab ich für ratsam und nützlich angesehen, meiner befohlenen Kirchen ein gründlichen Bericht zu tun, unserm Gott zu Ehren und (zu) Preis dieses seligen Werkzeugs Gottes und zu wahrem Zeugnis für junge Leut, wie Gott durch einen Mann diese endliche Reformation angefangen, … und daß ich hieneben meine Zuhörer erinnere und ermahne, bei dieses Deutschen Propheten und seligen Auslegers der heiligen Schrift freidig2 und beständig zu beharren. … Dieweil ich nun von diesem werten Deutschen Propheten bei meinen Deutschen und lieben Pfarrkindern als ein geborener Deutscher von Amts wegen in meiner Muttersprache gepredigt, hab ich mit Bedacht diese Predigt deutsch in Druck gehen lassen, damit männiglich3 in Deutschland erinnert werde, was diese deutsche und gottselige Kirche, in der Krone Böhmen gelegen 4, von dieses großen Deutschen Propheten Lehr gehalten, und daß man beständig bis auf diese Stunde in diesem sudetischen Gebirge5 bei der Wittenbergischen und Augsburgischen Confession fest und treulich gestanden und ausgehalten habe.“
Mit diesen Worten umschreibt Mathesius in der zwei Tage vor seinem Tode, am 5. Oktober 1565, datierten Vorrede die Absichten, die ihn im Alter von 58 Jahren dazu bewogen, ein Lebensbild Luthers vor seiner Gemeinde zu entrollen. In 17 Predigten, die der bedeutende Kanzelredner in der Zeit vom 10. November 1562 bis zum Fastnachtsdienstag 1564 hielt, entledigte er sich der selbst gestellten Aufgabe. Ohne weitere Ueberarbeitung, woraus sich einerseits manche Mängel, anderseits aber der unmittelbare, volkstümliche Ton erklären, gab er den Text in Druck. Leider erlebte der Verfasser das Erscheinen seines Werkes (1566), das in jener leselustigen Zeit eine außerordentlich weite Verbreitung fand und von all den Schriften des Joachimsthaler Stadtpfarrers die höchste Auflagenziffer (bis 1906 etwa 50 Ausgaben) erreichte, nicht mehr.
Mathesius (geb. 24. Juni 1504 zu Rochlitz) wurde 1525 in München, wo er im Dienst eines herzoglich bayrischen Hofbeamten als Bibliothekar tätig war, mit der lutherischen Lehre bekannt. Und zwar war es „des Herzogs von Bayern Freudmacher“, der Hofnarr Löffler, der ihn auf die von Wittenberg ausgehende religiöse Bewegung aufmerksam machte. Dies Unterfangen war unter der Schellenkappe noch am ehesten ohne Gefahr, denn die bayrischen Herzöge hielten die umstürzenden Lehren mit allen Mitteln von ihren Landen fern. Den eigentlichen Wendepunkt im inneren Leben Mathesius‘ bedeutet jedoch sein Aufenthalt auf Schloß Odelzhausen a. d. Glon, in der Nähe von Augsburg. Hier kam zum ersten Male eine Schrift Luthers, der für Laien bestimmte „Sermon von den guten Werken“, in die Hände des 22jährigen, der von dieser zur damals üblichen Werkheiligkeit in schroffstem Gegensatz stehenden Anweisung zu einem sittlich-christlichen Berufsleben in Gottvertrauen und dienender Nächstenliebe bis ins Innerste seines Wesens erschüttert wurde. Er sagt darüber: „In diesem Jahr (1519) geht auch das christliche Buch aus von den guten Werken, daraus ich in Bayern den Anfang des Christentums im 26ten Jahr, Gott sei Lob, erstlich gelernet habe.“ Vertieft wurde dieser Eindruck durch den Umgang mit einem katholischen Priester, seinem „lieben Freund“ Zacharias Meixner, Pfarrer zu Bruck a. d. Ammer, dessen Gastfreundschaft Mathesius über ein Jahr genoß, und der den jungen Mann eingehender mit den Lehren Luthers bekannt machte. Immer brennender wurde die Sehnsucht, den „Deutschen Propheten“ selbst zu hören und in seiner Nähe zu weilen. So zog denn Mathesius um die Pfingstzeit des Jahres 1529 gen Wittenberg, wo er am 21. Mai anlangte. Bereits am nächsten Tag hörte er Luther predigen und berichtet hierüber mit den schlichten Worten: „Auf folgenden Sonnabend zur Vesper habe ich den großen Mann Doctor Luther predigen hören, da er S. Petri Text vom Wesen und Kraft der heiligen Taufe auslegte, dafür ich unserem Gott die Tage meiner Pilgrimschaft hie und in alle Ewigkeit zu danken habe.“ Nachdem er sich am 30. Mai 1529 in die Matrikel der Wittenberger Universität hatte eintragen lassen, gehörte er zu den eifrigsten Besuchern der Vorlesungen Luthers, Melanchthons, Jonas‘, Bugenhagens u. a. Mit Stolz nennt er sich ein „Gliedmaß“ der berühmten Hohen Schule, mit der er auch späterhin rege Beziehungen unterhielt. Zur Zeit, da in Augsburg die evangelischen Reichsstände sich zu Luther und seiner Lehre bekannten, weilte Mathesius als Schulgehilfe an der Lateinschule zu Altenburg, von wo aus er 1532 als Rektor an die berühmte Joachimsthaler Schule berufen wurde. Bereits in dieser Stellung wirkte er durchaus im Sinne seiner Wittenberger Lehrer und geriet daher wiederholt mit den Pfarrherren, vor allem mit Mag. Johann Sylvius Egranus, in Zwiespalt. Dies und andere Gründe mögen ihn veranlaßt haben, 1540 sein Schulamt niederzulegen und erneut nach Wittenberg zu pilgern. Es folgte ein Jahr vertrauten Umganges mit Luther, Melanchthon und ihrem Kreis. Als Haus- und Tischgenosse des großen Reformators schloß sich Mathesius eng an diesen an und schöpfte hier an der Quelle alle die wichtigen Angaben, die ihn dann am Ausgang seines Lebens befähigten, seinem Volke die große Gestalt des geliebten Gottesmannes in abgerundetem Bild vor Augen zu stellen. Die in jener Zeit geknüpften Fäden überdauerten alle die inneren und äußeren Schwierigkeiten, denen Mathesius in seiner über 20jährigen Tätigkeit als Pfarrer der Bergstadt am Südhang des Keilberges ausgesetzt war.
In den
Historien
Von den Ehrwirdigen in Gott seligen thewren Manns Gottes / Doctoris Martini Luthers / anfang / lehr / leben vnd sterben,
und zwar in der neuen Predigt, die „von bekenntnus des Evangelij zu Augspurg für Keyserlicher Majestat und dem gantzen Reich mit Christlicher freydigkeit6 beschehen7 durch Churfürsten zu Sachsen und seine mituerwandten8, und was unser Doctor unter disem Reichstag fürgehabt“ handelt, berichtet Mathesius folgendes:
„Am 25. Juni, welches war Sonnabend nach Johannis Baptiste9, ist nach vielfältiger Verhandlung die christliche Confession unser Religion, wie sie (der) Doctor viele Jahre gelehret und desmals durch M. Philippum10 ordentlich und bescheidenlich11 zusammengefaßt, Kaiser Karl12 und König Ferdinand13, samt dem ganzen Römischen Reich, öffentlich durch Doctor Christianum Beiern14, im Namen des Churfürsten zu Sachsen15, Markgrafen Georgen zu Brandenburg16, Herzog Hans Friedrich zu Sachsen17, Herzog Ernst zu Braunschweig18, Philipp Landgrafen zu Hessen19, Herzog Franz von Lüneburg20, Fürst Wolfgang zu Anhalt21 und der zwei christlichen Städte Nürnberg und Reutlingen, in des Bischofs von Augsburg Hofe in deutscher Sprache fürgelesen und darauf lateinisch und deutsch dem Kaiser überantwortet worden22.
Darin diese christlichen Zeugen und Bekenner, als am rechten Posaunenfest23, für jedermann ihren Glauben (und) Religion, wie sie Doctor Luther aus Gottes Wort gelehrt und sie (dieselbe) in ihren Landen und Städten frei predigen ließen, frei bekennet und gute und richtige Rechenschaft und Grund24 ihres Glaubens und Hoffnung in der Furcht Gottes und gutem Gewissen, mit Sanftmut und Bescheidenheit nach Christi und S. Petri Lehr (ge)geben haben.
Größer und höher Werk und treuer und herrlicher Bekenntnis ist nicht geschehen von der Apostel Zeit an, als dieses zu Augsburg vor dem ganzen Römischen Reiche. Zu Jerusalem bekannten und bezeugten zwölf Apostel, die armen Fischer, den Namen Jesu auch mit großer Freidigkeit des Geistes für den Hohenpriestern, Gelehrten, Rat und Hauptleuten des Tempels und straften daneben, die den König der Ehren, Jesum Christum, den Sohn Gottes, in seinem Fleische gekreuzigt und umgebracht hatten, welches freilich der große Pfingsttag und das höchste Werk der Christenheit ist von Anbeginn der Welt Geschehen.
Nachdem aber der vermeinte Stuhlerbe S. Peters sich wider Gott und seinen Gesalbten und über den gepredigten Christum und sein Wort erhoben und als die rote Braut von Babylon25 mit seinem Becher fast die ganze Christenheit betöret und bezaubert und zu ihrer Abgötterei mit Eides Pflicht verknüpfet, und Gott wollte seine gefangene Christenheit durch das Wort seines Geistes wieder aus dem babylonischen Gefängnis26 zu erledigen27 anfangen, ging solch Wort und Werk Gottes nicht vergebens ab und richtet viel aus, und Gott zog etliche große Herrn und Städte durch sein Evangelium an sich, die in (der) Kraft des Geistes Gottes aus der Propheten und Apostel Schrift erkannten, daß das große Babylon, die Mutter aller Unzucht und Greuel, auf Erden trunken war von dem Blut der heiligen Märtyrer und Zeugen Jesu Christi, und daß der Sohn Gottes der einige Hohepriester, Haupt und Heiland der ganzen Welt wäre. Darum bekannten diese Herren und Städte frei, öffentlich und unerschrocken als selige Werkzeug Gottes und wahre Gliedmaßen Jesu Christi und ernstliche Zuhörer und Liebhaber des lebendigen Wortes, voll rechtschaffenden und lebendigen Glauben, ihren Glauben, und was sie aus Doctor Luthers Büchern und Predigten gelernet und behalten hatten; ungefähr diese Artikel, wie sie in der Augsburgischen Confession verzeichnet…“
Es folgt ein Auszug aus der Augsburgischen Konfession, der die Hauptartikel umfaßt, und in bezug auf den Mathesius sagt: „Denn wir uns nicht eigentlich fürgenommen, diesmals die ganze Confession von Wort zu Wort zu wiederholen, sondern nur ein kurzen Auszug zu machen und euch zum Original zu lesen28 treulich zu ermahnen.“ Dann berichtet er weiter:
„… Als nun die Confession frei und öffentlich fürm Kaiser und ganzen Reich verlesen, hat Doctor Bruck29 die lateinische und deutsche Confession des Herrn Kaisers Sekretarien30 zugestellt, (um sie) dem Erzbischof von Mainz31 zu überreichen. Aber Kaiser Karl hat selbst danach (ge)griffen und sie zu ihm (sich) genommen mit dem gnädigsten Anerbieten, er wolle der Sache ferner nachtrachten32.
Dies ist nun die christliche und gegründete Confession, so gottselige und gehorsame Chur(-Fürsten) und Fürsten des Römischen Reichs und zwei christliche Reichsstädte desmals unterschrieben und öffentlich überantwortet haben. Wie auch die Herren und Städte neben anderen, so auf diesem Reichstag und hernach (sich) dazu begeben und mitbekannt haben, beständig bis auf diesen Tag in ihren Landen und Städten dabei beharret haben, darum sie hier billig auf Erden als beständige Bekenner und Vertreter der Wahrheit Jesu Christi ihren Ruhm bei allen Frommen und Christgläubigen und in alle Ewigkeit ihre Kron, Ehrengespann33 und himmlischen Lohn vor dem Angesicht Gottes haben und behalten werden, dieweil sie dem Herrn Christo und dieser ewigen Wahrheit für den Menschen sein Ehr und Namen verteidigt und die antichristliche Lehre, so voll Lügen, Ketzerei, Abgötterei, Mord und Blutvergießen war, widersprochen und jedermann dafür treulich gewarnet und mit ihrem gottseligen Zeugnis und beständigem Bekenntnis viel Land und Leuten zur Seligkeit christlich gedienet haben.“
Anmerkungen: Der Text ist angeführt nach der kritischen Ausgabe von Dr. G. Loesche (Johannes Mathesius, Ausgewählte Werke, Bd. 3, Prag 1906). Aenderungen in der Schreibweise und Zeichensetzung sind insoweit vorgenommen, als es im Interesse des leichteren Verständnisses erforderlich erschien. Aus dem gleichen Grund sind vereinzelt Silben und Worte in ( ) eingefügt.
- Luther ↩︎
- zuversichtlich ↩︎
- jedermann ↩︎
- in den Ländern der böhmischen Krone ↩︎
- Erzgebirge ↩︎
- Unerschrockenheit ↩︎
- geschehen ↩︎
- die weiter unten genannten evangelischen Reichsstände ↩︎
- Johannes der Täufer, dessen Tag auf den 24. Juni fällt ↩︎
- Melanchthon ↩︎
- einsichtig ↩︎
- Karl V. (1519 – 1556) ↩︎
- Ferdinand I. (1556 – 1564) ↩︎
- Christian Beyer, der jüngere Kursächsische Kanzler ↩︎
- Johann der Beständige (1525 – 1532) ↩︎
- Georg von Brandenburg-Ansbach, mit dem Beinamen „der Fromme“ (1484 – 1543) ↩︎
- Johann Friedrich der Großmütige (1532 – 1554), verlor nach der Schlacht bei Mühlberg (24. April 1547) Land und Kurwürde an seinen Vetter Moritz ↩︎
- Ernst der Bekenner von Braunschweig-Lüneburg (1497 – 1546) ↩︎
- Philipp der Großmütige von Hessen (1509 – 1567) ↩︎
- Hier ist Mathesius im Irrtum. Franz von Braunschweig-Gifhorn (1539 – 1549) hatte wohl an den Vorberatungen der Augsburgischen Konfession teilgenommen, gehört aber nicht zu ihren ersten Unterzeichnern. (Loesche, a. a. O. S. 527) ↩︎
- Wolfgang von Anhalt (1492 – 1566), ein eifriger Förderer der Reformation ↩︎
- Das lateinische Exemplar nahm der Kaiser an sich, während das deutsche dem Erzbischof von Mainz als Reichskanzler übergeben wurde. Leider sind beide Exemplare verlorengegangen. ↩︎
- Jüdisches Fest zu Beginn des siebenten Monats des jüdischen Mondjahres (1. Tisri), s. 3. Mos. 23, 23f.; 4. Mos. 29, 1f. ↩︎
- Begründung ↩︎
- Dieser Ausdruck ist der Offenbarung des Johannis entnommen und wurde von den Reformatoren mit Bezug auf Rom und die katholische Kirche gebraucht. ↩︎
- Anspielung auf den Titel einer Schrift Luthers „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ (1520). ↩︎
- erlösen ↩︎
- im Original nachzulesen. ↩︎
- Gregor Brück (1483 – 1557), Rechtsgelehrter, Verfasser der Vorrede zum deutschen Text der Augsburgischen Konfession, kursächsischer Kanzler. ↩︎
- Cornelius Schepper und Alfonso Waldez. ↩︎
- Albrecht von Brandenburg (1514 – 1545), vgl. Anm. 22. ↩︎
- nachdenken ↩︎
- Ehrenzeugnis ↩︎