Die Sage von der „Finkenburg“.

Von E. Berthold, Königswalde.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 19 – Sonntag, den 4. Mai 1930, S. 2

Zwischen Elterlein und Schlettau liegt eine gemütliche Gaststätte, umgeben von Wiesengrün und herrlichen Erzgebirgswäldern. Die „Finkenburg“. Wie viele andere Stätten in unserer Erzgebirgsheimat ist auch dieses einladende Haus von märchenhaften Sagen umwoben. Wer in der traulichen Gaststube der „Finkenburg“ sitzt, auf deren Fensterbrettern Sommer wie Winter Blumen blühen, wird schon vorher diese Sage von der Entstehung des Namens „Finkenburg“ gelesen haben, die ein alter Erzgebirgler vor vielen Jahren niederschrieb und deren Urschrift seit dieser Zeit aufbewahrt wurde. Sie hängt im Eingang zur Gaststätte, unter Glas und Rahmen, geschmückt mit Rinde und Zapfen aus heimischen Wäldern. Für die aber, die dieses idyllisch gelegene Fleckchen der Einkehr noch nicht kennen, sei diese Sage hier wiedergegeben, so wie sie dieser alte Chronist damals niedergeschrieben.

Hier steht vor dir die Finkenburg,
von Sagen sehr umwoben.
Abt Funke vom Kloster Grünenhain
der trieb hier Jagd und Jagdlatein,
ließ Kloster Kloster sein,
und selbst das Messelesen stellt er ein.
Und – um zu jagen Tag und Nacht,
hat eine Hütte er angebracht.
Hier jagte er in dunkler Flur,
wo noch von Menschen keine Spur,
kein Haus, kein Feld, nur Sumpf und Wald,
darinnen war sein Aufenthalt.
Vom Kloster blieb er nunmehr fern,
kein Glaube mehr an den Herrn.
Für ihn war es ein Hochgenuß,
wenn fiel das Wild mit einem Schuß. –
Einsam, matt und sterbensmüde,
so saß er einst in seiner Hütte.
Donner, Blitz und Hagelschlag,
es war, als käm‘ der jüngste Tag.
Die Bäume stürzten in dem Forst,
der Habicht floh aus seinem Horst.
Wasser rauschten wild umher,
als wollt öffnen sich ein neues Meer.
Dem Abt in seiner Funkenburg
ergriff ein Beben durch und durch.
Er kniet nieder, singt fromme Lieder
und betet ein Paternoster,
sehnt sich zurück nach seinem Kloster.
Kein Mensch um ihn – verlassen, schaurig –
so saß er da, einsam und traurig.
Die Augen senkten sich zum Sterben:
Er lispelt leis: „Wo sind meine Erben?“
Doch stille wie im Totengarten,
so stille war es in der Burg.
Und mit den Augen, mit den matten,
sieht er auf einmal einen Schatten;
ganz ängstlich kommt ein Finkenpaar,
wie es vom Falk verfolget war.
Der Abt, der früher kein Erbarmen,
er hat es jetzt mit diesen Armen.
„O Herr,“ so sprach er weich und mild,
„ich hab gehetzt so manches Wild,
ich hab gejaget Tag und Nacht
und niemals mehr an dich gedacht.
Du bist so mild, du bist so gut,
drum nimm mich auf in deine Hut.“
Noch einmal hörte er als Dank
von diesem Pärchen den Gesang:
„Si – si – si – wir sind hier!“
Dann haucht er noch im Sterben:
„Ihr seid meine Erben!
Ihr fandet Schutz in meiner Funkenburg,
nun soll sie heißen „Finkenburg“.