‚Die schöne Tür‘ der St. Annenkirche zu Annaberg

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 13 – Sonntag, den 23. März 1930, S. 1.

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Die „schöne Tür”

Das altehrwürdige Gotteshaus der Pöhlbergstadt, das weit hinragend sich wuchtig mit seinen massiven Bruchsteinmauern und dem mächtig ragendem Turm über Annaberg reckt, besitzt unter seinen kunsthistorischen Schätzen die sogenannte „Schöne Tür“, wohl vielen, aber längst noch nicht allen bekannt, die in dieser Kirche aus- und eingehen. Den Besitz derselben verdankt man der Aufhebung eines früheren Annaberger Klosters, und zwar desjenigen der Franziskaner. Als kurz nach Gründung der Stadt der Bau der St. Annenkirche erstand, mußte die Stadt natürlich auch ihr Kloster haben. 1502 begann man dessen Bau und nach 10 Jahren war er vollendet. Nach der Stadtmauer hin lag der Klostergarten. Acht Tage lang dauerte das Fest der Einweihung. Acht Barfüßlermönche vom Orden der Franziskaner hielten ihren Einzug, mit braunen Kutten, den Strick um den Leib und Sandalen an den Füßen. Ihre Hauptbeschäftigung war das Einsammeln von Almosen. Zwei von ihnen waren stets unterwegs, sobald sie zurückkamen, traten zwei andere den Umgang an. Der größte Teil der Mönche unterstützte eifrig den Ablaßhandel von Tetzel. Als das Kloster aufgehoben wurde, schaffte man die Kleinodien z. T. ins Rathaus, z.T. in die Kirche. Das kostbare Altarwerk wurde der Schwesterstadt Buchholz geschenkt, woselbst es heute noch in der St. Katharinenkirche zu beiden Seiten den Altarraum ziert. Die St. Annenkirche erhielt neben zwei Kruzifixen u. a. „Die schöne Tür“. Dieses mit Skulpturen überaus reich ausgestattete Tor bildete einen der Eingänge der Klosterkirche, der nur geöffnet wurde, wenn besonderer Ablaß erteilt ward. 1577 wurde es an seinem gegenwärtigen Standort in der Sankt Annenkirche aufgestellt. Den Mittelpunkt der einzelnen Gruppen der Tür bildet die heilige Dreieinigkeit Gott Vater, als König im Purpurmantel, in seinem Schoß den ans Kreuz geschlagenen Heiland haltend. Auf dem Kreuz sitzt die Taube, das Symbol des heiligen Geistes. Der Raum dahinter ist ausgefüllt von neun Engelsgestalten, unter denen rechts der heilige Franziscus, links die heilige Clara kniet. Unterhalb der ganzen Gruppe befindet sich ein Spruchband mit Gebeten. Unter dem oberen Aufsatz des Torbogens schweben zwei Engel in weltlicher Kleidung mit den Marterinstrumenten heran, die bei der Kreuzigung Christi verwendet wurden. Die Mitte des oberen Aufsatzes wird durch eine Pelikangruppe gebildet. Bekanntlich wird von diesem Tier erzählt, daß das Weibchen durch seine Liebkosungen die Jungen tötet, das Männchen sich aber die Brust aufreißt und sein Herzblut auf die Jungen fließen läßt, die dadurch wieder lebendig werden. Also auch, so symbolisierte man, habe Christus sein Blut für die Menschen gegeben. —

Wer der Meister dieses großartig gedachten Kunstwerkes ist, weiß man nicht. Fest steht, daß er einer der bedeutendsten seiner Zeit war und daß von ihm jedenfalls auch der Taufstein und vielleicht auch die Kanzel herstammen. Die gesamte Komposition schließen die ruhenden Figuren des ersten Menschenpaares ab, die durch die Größe der Motive, ihre ruhende Lage usw., geradezu an Michel Angelo erinnern. Die Ecken zieren die Figuren des Moses und Johannes des Täufers. Das Ganze ist gleich ausgezeichnet durch seine Erfindung, wie durch Zeichnung und stilistische Behandlung.

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Das diese Darstellungen beigegebene Bild war seinerzeit als Illustration eines Artikels „Altdeutsche Plastik im Umkreis von Chemnitz“ in der „Allgemeinen Zeitung“ daselbst erschienen und wurde uns von genanntem Verlag für unsere heutigen Ausführungen freundlichst zur Verfügung gestellt.