Postfahrt über den Oberwiesenthaler Paß nach Karlsbad

Illustrierte Wochenbeilage der „Obererzgebirgischen Zeitung“ Nr. 10 – Sonntag, den 2. März 1930, S. 1 – 2.

Brief eines Meißener Bürgers an seine Angehörigen, mit der Beschreibung seiner Reise von Meißen nach Karlsbad durch das Erzgebirge und des Kuraufenthaltes dort.

Karlsbad, den 7. Juni 1858, morgens 8 Uhr.

Soeben von der Morgenpromenade zurückgekehrt und nach dem herrlichen Kaffeegenuß eine Zigarre rauchend, ergreife ich die Feder, um Dir und den Kindern, die gewiß schon sehnlichst erwartete erste Nachricht von mir zukommen zu lassen. Meine Reise ist Gott sei dank glücklich und ohne besondere Unannehmlichkeiten vonstatten gegangen. Ich hatte mich von Niederau bis Chemnitz einschreiben lassen, woselbst der Dampfzug ½2 Uhr anlangte. Unterwegs hatte ich die Bekanntschaft eines Herrn gemacht, welcher seinen Sohn, Externer, bei Herrn Professor Dügner in Meißen, besucht gehabt. Mit diesem Herrn besah ich zunächst die Stadt Chemnitz, im Gasthof „Stadt Berlin“ speisten wir zu Mittag. Leider regnete und donnerte es so sehr, daß ich mir nur einen oberflächlichen Blick über die Stadt verschaffen konnte. Um 5½ Uhr fuhr ich mit den Meißener Bekannten, welche mit einem späteren Dampfwagenzuge angekommen waren, mit der Postkutsche aus Chemnitz ab. Es ging über Burgsdorf (Burkhardtsdorf), Gelenau, Städtchen Thum, Ehrenfriedersdorf nach Annaberg, wo wir abends 10 Uhr anlangten. Der Nachmittag war schön, der Weg aber nichts weniger als angenehm. Eine fast durchaus bergige und steile Gegend! In Annaberg blieben wir im Gasthof „Museum“ über Nacht, sehr nobel, aber auch sehr teuer. Abends eine Suppe, Frühkaffee und Bett = 29 Ngr. Viel Schlaf konnte ich nicht finden, da sich durch die anstrengende Fahrt wieder Schmerzen bei mir eingestellt hatten.

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Früh ging ich noch vor dem Kaffee, ¼5 Uhr, rund um die Stadt spazieren, der Morgen war wunderschön, die Stadt zwar bergig, aber sonst recht ansprechend. Breite Gassen mit hübschen, reinlichen ja sogar in großer Zahl recht stattlichen Gebäuden. Um 6½ Uhr ging es mit der österreichischen Post aus Annaberg über den Grenzort Weipert, dann ¼ Stunde von der Straße rechts in einen lieblichen Bergkessel, Ober- und Unter-Böhmisch-Wiesenthal, von hier über die höchste Bergspitze, den Sonnenwirbel, rechts den Fichtelberg liegen lassend, nach Gottesgab. Von Gottesgab herunter nach St. Joachimsthal, welches in einer tiefen Schlucht liegt und gewiß auf Jeden, so auch auf mich einen schauerlichen Eindruck machte. ½ bis ¾ Stunde ging es in egalem Trabe den steilsten Berg hinab. In St. Joachimsthal wurde zu Mittag gespeist und dann die Reise nach Schlackenwerth fortgesetzt. Dies ist das letzte Städtchen vor Karlsbad, woselbst ich endlich, und wie Du Dir denken kannst, höchst ermüdet gegen 2 Uhr ankam. Schon als ich noch im Postwagen saß, erblickten mich die in Karlsbad zur Kur weilenden Meißener Bekannten und begrüßten mich herzlich. In demselben Hause wie sie habe ich Quartier gefunden, eine Treppe höher, ein freundliches Dachstübchen, und wie mir von allen Seiten versichert wurde, für einen ganz annehmbaren Preis. Ich gebe pro Wohnung und Bett mit 2 Kopfkissen 1½ g. 30 krz.

Mein Wirt ist der Bäcker Pollack, sehr freundliche, gefällige Leute, das Haus liegt an der Egerer Straße, dem K.u.K. Militär-Badehaus gegenüber und hat den Namen „Ametist“. – Bis hierher hast Du meine ganze Leidens- und Freudengeschichte der Reise vernommen.

Das Leben spielt sich wie bei früheren Kuraufenthalten ab. Gewöhnlich bin ich schon ¼ oder ½5 Uhr am Brunnen, dann trinke ich Kaffee, dieses einzige Labsal dieser anscheinend köstlichen, aber auch langweiligen und fast unerträglichen Kurzeit. Von 10 bis ½11 Uhr gehe ich spazieren, 12 bis ½1 Uhr zu Tisch, dann gesellige Unterhaltung im Quartier oder vor dem Hause, wo ebenfalls den ganzen Tag Tische und Stühle zur Verfügung stehen und endlich von 3 bis 7 Uhr abends wieder spazieren gehen, spätestens ½9 Uhr zu Bett.

Der Brunnen hat bis jetzt sehr guten Erfolg gehabt, so daß ich mich der frohen Hoffnung hingeben kann, mit Gottes Hilfe durch diese wundervollen Heilquellen ein wahres Kleinod der Mutter Natur, meine zerrüttete Gesundheit wieder zu erlangen. Die Witterung ist seit meinem Hiersein außerordentlich schön und konnte ich bei meinem ersten Spaziergang in dem köstlichen Tannenwald am frühen Morgen dem allgütigen Gott für die Gnade, mich einmal aus dem Joch heraus und ganz los zu sehen, nicht genug danken. Gewiß bin ich hier nicht der Erste und Letzte, der dem Allmächtigen, von Gefühlen der Dankbarkeit bemächtigt, auf einsamen Waldwegen wahrhafte Freudentränen darbringt.

In der neuen evangelischen Kirche hörte ich am Sonntag eine Predigt, mit der ich aber nicht in allen Teilen einverstanden war.

Wenn meine Kur nicht die erwartete Wirkung hat, so ist daran niemand weiter schuld als die Krinolinenröcke, denn diese sind mein einziges Aergernis hier.Wenn einem so eine Figur auf der Straße begegnet, so möchte man allemal, obwohl der Weg für 3 Personen gewöhnlicher Umfassung breit genug ist, den Berg hinaufklettern, um Platz zu machen. Es werden Krinolinen getragen, so groß wie der Bischofsturm in Meißen. Dreimal des Tages wird Garderobe gewechselt.

So leid es mir tut, so kann ich doch nicht umhin, Euch melden zu müssen, daß ich wider meinen Willen und mein Wissen genötigt worden bin, mein teures Vaterland, das schöne Sachsenland, auf die Dauer der Kurzeit zu verleugnen. Ich stehe nämlich in der Fremdenliste als L. Königlich Preußischer Rendant aus Meißen. Ja, ja, ich gehöre jetzt zur großen Nation. Dies hat in meinen Kreisen schon zu viel Spaß Veranlassung gegeben. Wie dies gekommen, begreife ich nicht, da die Beamten doch meinen Paß in Händen hatten.

Die Bekannten hatten mir unterwegs bange gemacht, der Grenzbeamten wegen. Die Folge davon war, daß ich mir noch in der Nacht in Annaberg meinen Koffer in den Gasthof holen ließ, um die mitgenommenen Zigarren in meinen Taschen in Sicherheit zu bringen. Die Beamten gingen aber sehr gelind vor, die Vorsichtsmaßregeln wären also nicht nötig gewesen.

Nun aber, mein liebes Weib, lebt wohl, grüße und küsse die Kinder und bittet Gott, daß er mich vollständig hergestellt heimkehren läßt zu Euch.