275 Jahre Johanngeorgenstadt.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 10. – Sonntag, den 3. März 1929. S. 1 — 2.

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Die Feststadt Johanngeorgenstadt.

Johanngeorgenstadt — die Bergstadt an der Grenze — ein Städtelein, weit über die engere Heimat hinaus bekannt, feierte am 23. Februar dieses Jahres sein 275jähriges Stadtjubiläum. Haben wir der Feststadt in unserer „O.-Z.“-Ausgabe vom 23. und 26. Februar bereits ausführlich gedacht, so ist doch hier in den „Erzgebirgischen Heimatblättern“ der richtige Platz, in Wort und Bild den geschichtlich wertvollen Augenblick der alten Grenzstadt festzuhalten. Johanngeorgenstadt ist die jüngste unter den Bergstädten des Erzgebirges und wurde durch aus Böhmen vertriebene Lutheraner (Exulanten) gegründet. Schon 1651 flohen acht Exulanten aus Platten (welches bis 1556 zu Kursachsen gehörte und unter jesuitischer Bedrückung schwer zu leiden hatte) und siedelten sich, nachdem „hohe Churfürstliche Genehmigung erteilt“ war, am Fastenberg an. Das älteste Haus der Fastenberg-Ansiedlung ist die heutige Zinnermühle an der Reichsgrenze, vom Plattener Ratsbeisitzer Mathies Weigel (der erste Exulant) erbaut. Der wackere Mann brachte sieben Exulantenfamilien darin unter. In der Silvesternacht 1653/54 flüchteten die Exulanten in hellen Haufen über die Grenze, es kamen über hundert Familien. Am 23. Februar 1654 erhielten die Flüchtigen vom Kurfürsten die Erlaubnis zur Stadtgründung, welche „Johanngeorgenstadt“ zu nennen sei. Den Glaubenstreuen wurden Raum und Holz zum Bau gewährt sowie die Errichtung von Kirche, Gottesacker, Pfarrhaus und Schule gestattet. Später erhielt die Stadt das Recht, Mahl- und Schneidemühlen sowie einen Schlacht- oder Küttelhof zu bauen und das Recht des Bierbrauens auf eine Meile in der Runde. Hauptsächlich wurde Bergbau betrieben, und schon nach zwanzig Jahren gab es hundert Gruben, 1700 aber 85 auf Silber und 350 auf Zwitter. Nach und nach wurden die Gruben unrentabel und wurden zusammengelegt (1760—1810), die 700 Mann starke Belegschaft wurde auf 300 vermindert. Heute gibt es nur noch vier Bergwerke, „Vereinigt Feld im Fastenberg“ mit etwa 50 Mann Belegschaft. Es wird hauptsächlich Wismut und Uranpechblende gefördert. Alljährlich am Fastnacht-Dienstag findet das Bergfest zur Erinnerung an bergmännische Sitten statt. Knappschaft, Bergbeamte und Schmiede vereinigen sich zu einem „Bergaufzug“ unter Führung des Bergdirektors. Als Wahrzeichen vergangener Zeiten wird der längst außer Betrieb gesetzte Pferdegöpel, mit dem die Förderkästen heraufgewunden wurden, erhalten. Der Heimatschutz wacht über seine Erhaltung; er ist der einzige noch existierende seiner Art in Deutschland. Neben dem Bergbau machte sich nach und nach auch die Industrie bemerkbar. 1815 gab es schon 1200 Klöpplerinnen und 17 Posamentiermeister. Auch Viehzucht wurde getrieben, man hielt in der Stadt über 300 Kühe und 80 Ziegen. Das erste industrielle Unternehmen gründete der Exulant Kaspar Wittig 1651, das Hammerwerk am Fastenberg, darin Roh- und Stabeisen erzeugt wurde. Aus diesem Hammerwerk entstand der Ort Wittigsthal. In Johanngeorgenstadt ist heute die Glacéhandschuh-Fabrikation die Hauptindustrie. Hier und in Grenoble werden die feinsten Handschuhe der Welt gemacht und gehen in alle Weltgegenden, besonders nach Neuyork und San Franzisko. Die Amerikanerin will in ihrem Handschuh den Stempel „Johanngeorgenstadt“ sehen, sonst ist er nicht ladylike; sie prunkt damit. Andere Industrien von Bedeutung sind die großen Kunsttischlereien, Pianoforte- und Pianola-Fabriken, Metallwaren-, Büromöbel- und Zimmeruhren-Fabriken sowie Dampfsägewerke. Aus einem Urwald, darinnen Wölfe und Bären hausten, ist die heutige Stadt, diese schöne Bergstadt, entstanden. Terrassenförmig steigt sie aus dem Schwarzwassertal den Fastenberg hinan (720 bis 830 Meter), überall einen herrlichen Ausblick auf die Umgebung gestattend. Es war nicht immer so. Gar viel Wald mußte erst geschlagen werden, bevor man sich ausdehnen konnte und einen Ausblick bekam. Um den einen Acker großen Marktplatz zu schaffen, mußten an 1700 größere Bäume ausgerodet werden.

Wenn auch die Stadt unter Kriegsdrangsalen schwer zu leiden hatte, stets erholte sie sich durch Fleiß und Beharrlichkeit ihrer Bürger schnell wieder. Am 19. August 1867 aber zerstörte eine Feuersbrunst die Stadt vollständig, kein Haus blieb verschont, die altehrwürdige Kirche, die Schule, das interessante Rathaus mit seiner wundervollen Kunstuhr, alles war in wenigen Stunden ein Raub der Flammen. Ein Augenzeuge erzählt:

„Das Feuer brach vormittags in der Körnerstraße aus. Es ging starker Wind, der die Flammen schnell über die meist schindelbedeckten Häuser trieb. Bald dachte niemand mehr ans Löschen, ein jeder suchte von seiner eigenen Habe zu retten, was zu retten war. Von weit und breit waren Leute herbeigeeilt, um zu helfen; man sammelte die verirrten Kinder und führte sie den Angehörigen zu, zu retten war nichts mehr. Am Abend war die Stadt ein glühender Trümmerhaufen, nur der massive, alte Kirchturm ragte rauchgeschwärzt daraus hervor, und weinend saßen die Einwohner nachts auf der wenigen geretteten Habe.“

In ganz Deutschland wurde für die unglückliche Stadt gesammelt, und die Sammlung ergab 216 477 Taler und 27 Neugroschen. So schnell man konnte, baute man wieder auf, da Herbst und Winter vor der Tür standen; man kümmerte sich weniger um architektonische Schönheiten als darum, schnell wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Immerhin war erst 1872 die Stadt wieder vollständig aufgebaut.

Johanngeorgenstadt zählt heute etwa 7500 Einwohner und ist mit allen modernen Einrichtungen versehen, Hochwasserleitung, Licht- und Kraftanlagen, Krankenhaus usw. Würdig und schön hat man die Kirche wieder erbaut, der alte, massive Turm, welcher dem Feuer widerstanden, ist geblieben, zurzeit ist die Kirche wieder restauriert, die Vorhalle ist zu einer würdigen Ruhmeshalle für die im Weltkriege gefallenen Helden der Stadt umgestaltet worden, eine Schöpfung des jetzigen Pfarrers. Die prachtvoll gemalten Kirchenfenster über dem Altar sind vom Ministerium des Innern gestiftet und wirken in ihrer Farbenschönheit wundervoll. Zwei überlebensgroße Gemälde, eine einwandernde, geflüchtete Exulanten-Familie und eine betende Bergmanns-Familie am Eßtisch darstellend, sind noch nicht ganz fertiggestellt. Sie weisen sinnvoll auf die Gründung der Stadt und den Bergbau hin.

Bedauerlich ist, daß das alte Rathaus nicht wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt wurde; es war schöner als der jetzige Steinbau. Der Oberstock bestand aus Fachwerk mit schön verschränkten Balken, die Mitte krönte ein Türmchen. Das Dach war links und rechts von zwei Erkern flankiert. Die Turmuhr hatte bei den Zeigern zwei Böcke stehen, darunter einen Bergmann; beim Viertelschlagen stießen die Böcke aneinander, beim Stundenschlagen nahm der Bergmann seinen Hut ab, zählte mit dem Munde und gab die Zahl der Schläge mit einer Wünschelrute an. Eine Abbildung dieses Kunstwerkes und des Rathauses befindet sich dortselbst.

Besondere Anziehungskraft übt die Stadt auf den Wintersport aus. Sie ist im Besitz der höchsten und schönsten Skisprungschanze, sodaß ein Sportfest das andere jagt. Doch auch der Sommer bietet seine Freuden. Die Schönheiten der Umgebung schätzte Goethe schon, welcher am 18. August 1785 im „Sachsenhof“ wohnte und Johanngeorgenstadt und Umgebung in seinem Briefe an Frau v. Stein rühmte. Tausende von Touristen und Ausflüglern besuchen die Stadt, und Sommerfrischler suchen und finden hier Erholung und Ruhe.

Der äußerst rührige Bürgermeister, Herr Dr. Pobbig, und der Stadtrat streben eifrig vorwärts; so manches Neue soll erstehen, doch fehlt es zurzeit noch an Mitteln, die Projekte auszuführen. Das 275-Jahr-Jubiläum wurde der Witterung wegen nur in bescheidenen Rahmen gefeiert, man erwägt, dafür im kommenden Sommer ein Heimatfest mit Bezug auf das Jubiläum zu arrangieren.